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Auf eine Bockwurst in die DDR-Mitropa

Von Angela Stegemann

Wer kann heute schon von sich sagen, in der Mitropa zu arbeiten? Anita Böttcher aus Pasewalk kann es. Und? Kommt Ostalgie bei ihr auf?

Pasewalk. Ein bisschen DDR-Ostalgie gefällig? Im Pasewalker Eisenbahnerlebniszentrum kann man darin schwelgen. Jeden Tag dort anzutreffen ist Anita Böttcher. Geschickt jongliert sie mit Kaffee und Bockwurst durch den engen Gang in den Speiseraum. Auch in der kleinen Küche wird es manchmal ziemlich eng. „Kein Problem“, sagt die 48-Jährige. Von Mai bis Oktober bedient sie diejenigen, die ihr müdes Haupt im einstigen DDR-Regierungszug zur Ruhe betten.

Den Lokschuppen kennt Anita Böttcher inzwischen wie ihre eigene Westentasche. Jahrelang war sie dort über Maßnahmen des zweiten Arbeitsmarktes beschäftigt. Sie pflegte Grünanlagen, bezog Betten. Zu tun gab es immer etwas. Vor Jahren wollte der Lokschuppen-Verein die gastronomische Betreuung auslagern. Da das nicht klappte, griff der Verein vor zwei Jahren zu einer anderen Lösung: In der Saison stellt er Anita Böttcher als die Betreiberin des Speisewagens ein.

Um sieben Uhr beginnt ihr Arbeitstag. Dann holt sie Brötchen und bereitet das Frühstück vor. Um acht Uhr sitzen die ersten Gäste im Mitropa-Wagen. Brötchen, Eier, Marmelade, Honig, Käse, Wurst und Joghurt. „Es soll so sein wie im Hotel“, sagt Anita Böttcher. Wenn nicht nicht mehr als zehn Frühstücksgäste da sind, bekommen sie das Essen auf dem Teller serviert. Ansonsten gibt es ein Bufett. Wenn Anita Böttcher kurz nach zehn Uhr den Speisewagen zuschließt, dann haben die meisten Gäste sich schon aufs Rad gesetzt und fahren weiter in Richtung Ueckermünde und Ostsee.

An normalen Tagen ist für Anita Böttcher der Arbeitstag nach dem Frühstück beendet. Sie geht noch putzen, um über die Runden zu kommen. „Besser, als arbeitslos zuhause zu sitzen“, sagt sie. Wenn im Lokschuppen Großveranstaltungen angesagt sind, dann hilft sie auch dort hinter der Mitropa-Theke. Manchmal freut die gelernte Konditorin sich, wenn sie ihre eigentlichen beruflichen Künste zeigen kann und beispielsweise eine Quark-Sahne-Torte zaubert. Wer möchte, kann aber auch einen Grillabend bei Anita Böttcher anmelden. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes freut sich mit, wenn Gäste total überrascht sind, was sie im Lokschuppen so alles erleben können. Es war wohl ein Glücksmoment, als 1997 nach dem Schließen des Lokschuppens die Pomerania die Initiative ergriff und den heruntergekommenen Lokschuppen samt Wasserturm aufmöbelte. Schon im Dezember des Jahres kamen dann sechs Wagen des ehemaligen DDR-Regierungszuges aus Berlin. Dort kann man heute auf geschichtlichen Spuren wandeln – eine historische Fundgrube.

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