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Bei den Wisenten knallt der Korken

VonPetra Konermann

Wie rettet man eine bedrohte Tierart? Und wie lässt sich genetische Vielfalt erreichen, wenn die Generation der Vorfahren gerade mal aus zwölf Tieren besteht? Fred Zentner, Revierförster in Jabel, sucht Antworten auf diese Fragen.

Damerow.Daaks schaut gelassen, fast gelangweilt durch die dicken Holzbarrieren, die ihn und seine Wisent-Damen Dastine, Daniga und Danata von der Besucherplattform trennt. Seine 750 Kilogramm Lebendgewicht schiebt Daaks ganz langsam weiter an die Plattform heran und starrt unverwandt hinauf. Ahnt er, dass auch von diesem Mann auf der Holztribüne die Zukunft seiner Rasse abhängt? Natürlich nicht. Die Aufgaben sind längst verteilt: Der zwölfjährige Bulle kümmert sich um seine Herde und das bedeutet vor allem, Nachkommen zu zeugen – Revierförster Fred Zentner kümmert sich gemeinsam mit Gleichgesinnten um den Fortbestand der ganzen Rasse. Und diese Aufgabe zielt vor allem darauf, genetische Vielfalt zu schaffen.
Die Ausgangslage ist denkbar schlecht. Intensive Bejagung frei lebender Wisente hat dafür gesorgt, dass es in den 1920er-Jahren in Europa gerade mal 56 Tiere dieser Rasse gab. „Und nur zwölf von ihnen haben sich fortgepflanzt“, weiß Revierförster Zentner aus den Anfangsjahren der Wisent-Zucht zu berichten. Es fehlt also an genetischer Vielfalt. Das ist der Grund, warum die Wisente langfristig bedroht sind, auch wenn es heute wieder weltweit rund 4000 Tiere dieser beeindruckenden Tierart gibt. „Anfälligkeiten für Krankheiten zum Beispiel werden immer weiter vererbt.“
Das Bild von Adam und Eva mag Zentner gar nicht bemühen. Doch wenn es schon sein muss, dann bitte auch exakt: Plebejer und Planta nämlich sind die beiden Ur-Ahnen, die in allen heute lebenden Wisenten in Europas Zuchtstationen noch nachweisbar sind. „Dieser Genpool ist also sehr klein und lässt wenig Variablen zu“, macht der Fachmann deutlich. Er erzählt die Geschichte vom glücklosen Wisentbullen Herodes. Der kam 1963 aus München nach Damerow, dem Wisent-Reservat, in dem man sich schon zu DDR-Zeiten um den Erhalt der Rinderrasse kümmert. Fünf Kälber hat Herodes gezeugt. Doch kein einziges hatte selbst Nachkommen, so dass, als Herodes 1969 in Damerow verendete, seine Linie ausstarb. Herodes Schicksal zeigt, wie – einem Flaschenhals gleich – die genetische Vielfalt der Wisente immer geringer wurde.
Für die riesigen und äußerlich so robust erscheinenden Tiere wird‘s eng. Dagegen stemmen sich Fachleute in ganz Europa. „Es gibt eine riesige Datenbank. Die Ahnenforschung bei Wisenten ist unglaublich“, macht Zentner deutlich. Die Gesellschaft zum Erhalt der Wisente ist europaweit tätig und unterhält verschiedene Büros. Damerow ist eines, Fred Zentner sein Chef. Das gesamte Gebiet der ehemaligen DDR ist sein „Revier“, in dem es gemeinsam mit Veterinärmedizinern und mit wissenschaftlicher Unterstützung sowie mit Mitteln der EU so einiges zu bewirtschaften gibt. Denn Ziel ist es, von jedem der in Zoos oder Privat-Zuchten lebenden Wisente Blut- oder Haarproben zu nehmen. Mit Hilfe von Gentests wird nach Verwandtschaftsverhältnissen bei den Wisenten geforscht. Nur so kann ausgeschlossen werden, dass zu nahe Verwandte Eltern werden, dass der „Flaschenhals“ der genetischen Vielfalt immer enger wird. Welche Kuh ist die Mutter? Gerade diese Frage, so Fred Zentner, sei oft schwieriger zu beantworten, als einem Laien bewusst ist. Der Vater sei immer klar – schließlich komme auf eine Herde immer nur ein Bulle. Doch nach der Geburt der Wisent-Kälber ganz zweifelsfrei festzustellen, wer die Mutter ist, das sei gerade in einem Herdenverband nicht immer möglich. „Nur Gentests können genaue Auskunft geben. Deshalb sind sie so notwendig“, erklärt Fred Zentner.
Im vergangenen Jahr gab es eine Konferenz, die Wisent-Fachleute aus ganz Europa zusammenführte. Natürlich war Fred Zentner aus Damerow dabei. „Der Wisent eint Europa“, hat der Revierförster gelernt. Er weiß: Die Natur, die Evolution, bahnt sich ihren Weg. Was klein war, kann groß werden, was auszusterben droht, kann eine Blüte erleben. „Die Umwelt, in der die Wisente leben, hat Einfluss auf ihre Gene. Deshalb ist es so wichtig, dass Tiere in ganz unterschiedlichen Orten leben. Das zahlt sich aus“, ist Zentner überzeugt. Von Russland bis Spanien – überall leben heute Wisente. Und vom „engen Flaschenhals der Gene“ will Fred Zentner gar nicht mehr sprechen: „Wir sind schon beim Korken angekommen.“

Kontakt zur Autorin
p.konermann@nordkurier.de

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