
| Konflikte |
von Claudia Marsal
|
„Ich kann noch immer kaum glauben, dass es so etwas gibt. Das grenzt ja schon an Diskriminierung“ – Kathrin Ader hält den Artikel über Roland Jorke in der Hand. Der Familienvater war beim Institut für Transfusionsmedizin Neubrandenburg in Misskredit geraten, weil er beim Ausfüllen des Spenderfragebogens auf die Hilfe seiner Frau angewiesen war, die Pasewalker Zeitung berichtete.
Die Geschäftsführerin des Duden-Institutes für Lerntherapie schüttelt ob dieses Vorfalls empört den Kopf. Dass ein Mensch wegen seiner Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) nicht mehr von seinem Lebenssaft abgeben dürfe, „das ist ja echt infam“, bringt es die diplomierte Pädagogin und Psychotherapeutin auf den Punkt. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes, der einst selbst an einer Rechenschwäche litt und heute Personalmanagement studiert, arbeitet seit mehr als 15 Jahren mit Betroffenen und versichert, „dass das absolut keine dummen Menschen sind.“ Sie müssten sogar mindestens durchschnittliche Intelligenz aufweisen, „sonst würde bei ihnen nicht LRS diagnostiziert, sondern Lernschwäche. Aber selbst das dürfte ja kein Grund sein, sie als Spender abzulehnen“, echauffiert sich die 47-Jährige.
LRS ist weder vererbbar, noch übers Blut übertragbar
Die gebürtige Prenzlauerin weiß, dass die Vorbehalte in der Bevölkerung groß seien, „aber sie entbehren jeder Grundlage.“ LRS sei weder vererbbar, noch übers Blut übertragbar. Die Transfusionsmediziner müssten also niemanden davor schützen. „Da gibt es keine Gefahr. Es handelt sich schlichtweg um eine Entwicklungsverzögerung, an der nachgewiesenermaßen schon Albert Einstein litt. Und der galt bekanntlich als sehr kluger Mann.“
Heutzutage indes hätten die Betroffenen das große Glück, nicht mehr auf Gedeih und Verderb ihrem Schicksal ausgeliefert zu sein. „Es gibt Mittel und Wege. ihnen zu helfen“, versichert die Fachfrau, die im Laufe ihres Berufslebens schon tausende Kinder und Erwachsene diagnostiziert und therapiert hat. Der älteste Klient in ihrem Institut ist zurzeit Ende 40, „und wir hatten auch schon mal einen pensionierten Professor hier, der mit über 70 gemeinsam mit seinem kleinen Enkel der LRS zu Leibe rücken wollte.“ Die Chancen, diese zu überwinden, stünden nämlich wirklich gut. Mittels spezieller Lernstrategien stelle sich gemeinhin schnell ein Erfolg ein.
Kathrin Ader würde auch Roland Jorke gern ihre Hilfe anbieten. Kosten kämen auf den Familienvater dabei nicht zu. Das Duden-Institut für Lerntherapie würde die Ausbildung sponsern. Ader weist vor diesem Hintergrund darauf hin, dass die Bildungsangebote jedermann zur Verfügung ständen. Es gebe beispielsweise die Möglichkeit, beim Jugendamt einen Antrag auf „Hilfe zur Erziehung“ zu stellen, welche die Kostenübernahme beinhaltet. Dann prüfe ein Psychologe, ob durch die LRS ein seelischer Notstand verursacht wird. In anderen Fällen wiederum brächten Eltern und Großeltern den Monatsbeitrag gemeinsam auf, wohlwissend, „dass man in dieser Gesellschaft ohne Lesen, Schreiben und Rechnen nicht weit kommt.“
Telefon: 03984 832082
Wer nicht lesen kann, darf nicht Blut spenden?
Lesermeinung: "Ich überprüfe jetzt meine Spendebereitschaft"
|
|