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Der erste Mann, der in der Gropa Konditor lernte

Dieses seltene Bild findet sich in der Chronik - eine aus zwei Teilen zusammensetzte Aufnahme der Gropa in den 1960er-Jahren.  Foto: ZVG
Dieses seltene Bild findet sich in der Chronik - eine aus zwei Teilen zusammensetzte Aufnahme der Gropa in den 1960er-Jahren. Foto: ZVG

Als es mit der Pasewalker Großbäckerei an der Friedenstraße am Rand der Oststadt in den 1990er-Jahren nach der Wende zu Ende ging und viele Dokumente weggeworfen wurden, da brachte jemand einen dicken Hefter in der Bäckerei Kurzweg zum Chef Bernd Kurzweg. „Kannst ihn ja aufheben“, meinte derjenige und wusste, dass der Bäckermeister ein Herz für Heimatgeschichte hat. Jetzt, da der Abriss der Industrieruine näher rückt, wurde der Hefter wieder hervorgeholt – und damit die Erinnerungen. Denn Bernd Kurzweg war in der Großbäckerei der erste Mann, der Konditor wurde.

Dahinter stand eine für DDR-Zeiten seltene Bürde: Bernd Kurzweg sollte die väterliche Bäckerei übernehmen. Lange überzeugen brauchte ihn Vater Heinz nicht. „Ich bin in der Backstube groß geworden und wollte das immer werden.“ Brot und Brötchen zu backen, das hatte er aber schon beim Vater gelernt. In der Großbäckerei zu lernen, das bedeutete auch Neues kennenzulernen, neue Verfahren und ganz andere Rezepte. Also begann die Lehre am 1. September 1972. Zur Berufsschule fuhr er zusammen mit drei Mädchen nach Fürstenberg an der Havel.

Wenn sie in Pasewalk waren, dann führte die künftigen Konditoren der Weg oft von der Großbäckerei zur Lehrwerkstatt an die Prenzlauer Straße. Besonders gern denkt Bernd Kurzweg an Meister Bluhm zurück, bei dem die jungen Leute sehr viel lernten. 1974 ging die Lehre zu Ende.

Bernd Kurzweg ist noch heute stolz darauf, dass er kurz vor dem Ende der Lehrzeit mit Veronika Seifert nach Neubrandenburg zum Leistungsvergleich musste. Mit einem ersten und zweiten Platz kehrten die künftigen Konditoren zurück. Im zweiten Lehrjahr ging es mit von der HO (Volkseigene Handelsorganisation) ausgeborgten Zelten nach Waren. Im ersten Lehrjahr hatte Bernd Kurzweg im Monat genau 58,50 DDR-Mark Lehrlingsgeld auf die Hand. Die Unterlagen besitzt er noch heute. Darunter sind auch die damaligen Zeugnisse. Er war ein wirklich Guter. Nur Einsen und Zweien stehen auf dem Papier. Kurze Zeit arbeitete er nach der Lehre noch in der Gropa. Mit zwei Wochen Nachtschicht inklusive hatte er im Monat 601,04 Mark in der Lohntüte. Bernd Kurzweg weiß es noch wie heute: „Mein wirklich letzter Tag in der Gropa war der 10. November 1974.“

Danach ging es in den väterlichen Betrieb. Der Unterschied: „In unser kleinen Backstube war es sehr viel wärmer, weil die Räume in der Gropa riesig waren.“ Auf seinen ehemaligen Lehrbetrieb hält er heute noch große Stücke. Der Pasewalker Stollen oder auch der Baumkuchen würden selbst mit heutigen Kriterien gemessen noch eine hohe Qualität haben. Dass der einstige Betrieb bald abgerissen wird, das bedauert Bernd Kurzweg sehr: „Es wäre ein geeignetes Gebäude für betreutes Wohnen gewesen“, steht für ihn fest. Über den Inhalt der Chronik wird dann extra noch einmal zu berichten sein.

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