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Gropa ade – deine Zeit ist abgelaufen!

Meister Horst Rathke (links) findet gar kein Ende, als er dem Bürgermeister über „seine“ Konditoren berichtet. Unteres Foto: Die letzte Dose Brot, hergestellt in Pasewalk.
Meister Horst Rathke (links) findet gar kein Ende, als er dem Bürgermeister über „seine“ Konditoren berichtet. Unteres Foto: Die letzte Dose Brot, hergestellt in Pasewalk.

VonAngela Stegemann

So viele Gesichter,
so viele Erinnerungen.
Wie war das damals mit Pasewalks Großbäckerei? Ehemalige Beschäftigte können beim Lesertreff stundenlang erzählen. Doch so lange ist nicht mehr Zeit. Der Abrissbagger rolltheran.

Pasewalk.Die großen Fahrzeuge der Abrissfirma warten schon. Doch bevor sie aufs Gelände dürfen, haben sie noch einmal Vortritt, die ehemaligen Beschäftigten. Schon eine halbe Stunde vorher stehen einige von ihnen ungeduldig vorm Werkstor. Ab und an rollt eine Träne. Nicht nur, weil sich manche lange nicht gesehen haben. Manchem tut es weh, dass „seine“ Gropa nun dem Abrissbagger weichen muss – auch wenn sie längst eine Ruine und ein Schandfleck ist.
Unsere Zeitung hatte ihren Lesern einen Wunsch erfüllt. Sie wollten noch einmal dorthin, wo viele mehr als 30 Jahre lang arbeiteten. Bürgermeister Rainer Dambach und Bauamtsleiterin Monika Hänsel halfen das möglich zu machen und gesellten sich dazu.
„Mir hat das Mittagessen schon gar nicht mehr geschmeckt. Ich war so aufgeregt“, erzählt Konditorei-Meister Horst Rathke. Als es dann in das Gebäude geht, werden 56 Leute gezählt – es kommen noch mehr dazu.
Doch was ist das? Der Schock sitzt tief. In dem großen Betriebsgebäude ist nichts mehr heil. Randalierer haben sich ausgetobt. Sämtliche Scheiben sind kaputt, Türen und Lampen herausgerissen. Doch nicht nur Chaoten sind schuld, sagt Monika Hänsel. Zuletzt gehörte der Komplex einem Berliner. Der wusste wohl nicht, warum er in Pasewalk einkauft hatte. Nachdem er sämtlichen Schrott herausgetragen hatte, tat sich nichts. Als sich seine Schulden bei der Stadt summierten, griff die Stadt zu. Denn die Ruine ist schon seit Jahren eine Gefahrenquelle. „Es ist nichts mehr zu retten. Auch wenn es schade ist und ein Stück Pasewalker Geschichte verloren geht“, sagt der Bürgermeister. Rund fünf Millionen Euro kostet der Abriss. Davon sind rund 90 Prozent Fördergelder. Das wird so teuer, weil viele Schadstoffe zu entsorgen sind. Da müssen Spezialfirmen ran. Dann erkundet die Gruppe das einstige Betriebsgebäude. Schnell verteilen sich die Leute. Jeder will den Ort noch einmal sehen, an dem er den größten Teil seines Arbeitslebens verbracht hat. Auf dem Weg dorthin ist Vorsicht geboten: Ein Teppich aus Scherben liegt umher. Die Gullys waren zuvor abgedeckt worden. Die meisten Leute sind aus der ehemaligen Konditorei gekommen. „Wir halten eben noch heute zusammen“, sagt Horst Rathke stolz. „Ich war 20 Jahre dabei“, erzählt Dieter Riebe. Ihm und seinen ehemaligen Kollegen hätte man die Augen zubinden können. Sie hätten auch zwei Jahrzehnte nach der Schließung des Werkes ihren alten Arbeitsplatz noch gefunden. „Hier stand meine Brave“, sagt Waltraud Stenner plötzlich. So nannte sie die Maschine, an der sie arbeitete. Damit wurden beispielsweise Liebesknochen mit Schokolade überzogen.
Pasewalks Erzeugnisse waren schon damals gefragt. Die Backwaren gingen vor allem nach Ueckermünde, Neubrandenburg und in die Templiner Gegend, in Ausnahmefällen auch nach Berlin, erzählt Hannelore Häcker, die im Versand arbeitete.
Gabriele Krüger war 21 Jahre in der Konditorei. Zum Gropa-Wiedersehen brachte sie auch ihre Tochter Ricarda mit. Sie gehörte einst zu den Kindergruppen, die die Gropa besichtigten.
Einen Bereich erkannten alle wieder: das Reich der Betriebsärztin Dr. Erika Markgraf. Ihre rechte Hand war Schwester Gertrud Paetzel. „Wir haben Sprechstunden abgehalten, aber auch Reihenuntersuchungen gemacht“, erinnert sich die 77-Jährige. Dann sichten aufmerksame Betrachter etwas: Im Wartezimmer hängt noch die Deckenlampe. Sie scheint das einzige
Stück zu sein, das die Randalierer wohl nicht entdeckten. Deshalb blieb es heil.
Viel zu schnell vergeht die Stunde in der Gropa. Das Bild bleibt in Erinnerung: Als die ehemaligen Beschäftigten das Betriebsgelände verlassen, rollt das erste Auto
der Abrissfirma an. Diejenigen Leser, die Zeit haben, kommen mit in das Rühmann-Restaurant des Cura-Seniorencentrums. Dort gibt unsere Zeitung Kaffee und Kuchen aus. Gertrud Paetzel holt ihren Beutel mit den Schätzen hervor. Sie hat einen alten Stollenkarton aufgehoben. Ein Kilogramm für zehn DDR-Mark steht darauf. Und das letzte Brot in Dosen, das für die Armee produziert wurde. Dann holt sie eine Schallplatte von Dean Read hervor. Den Namen des Sängers trug eine Jugendbrigade. „Wer will die haben?“, fragt die ehemalige Betriebsschwester. Christel Faulmann will. Ihr Sohn hat noch einen Plattenspieler.
In allem sind sich alle einig: Sie wollen sich wiedersehen, auch wenn „ihre“ Gropa nicht mehr steht. Und wollen viele Zeitungsgeschichten über den Abriss sammeln. Der soll am Jahresende beendet sein. Dann gibt es noch eine Idee: Vielleicht könnte man die Lampe ja abbauen und als letzte Erinnerung an die Gropa aufheben.

Kontakt zur Autorin
a.stegemann@nordkurier.de

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