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Männer, wo sind denn die ganzen Jahre geblieben?

60 Jahre später haben sie wieder gebastelt und blicken auf erfolgreiche Jahre zurück: Alle studierten. Zwei haben einen Professor-Titel, sieben haben promoviert.  FOTOs: A. Stegemann
60 Jahre später haben sie wieder gebastelt und blicken auf erfolgreiche Jahre zurück: Alle studierten. Zwei haben einen Professor-Titel, sieben haben promoviert. FOTOs: A. Stegemann

VonAngela Stegemann

Schulfreundschaften, die ein Leben lang halten: Die 17 Pasewalker Abiturienten von 1953 sind noch heute eine eingeschworene Truppe. Sechs Jahrzehnte danach kehren die heute über 80-jährigen Herren an den Ort ihrer Jugend zurück. Doch wo sind die damaligen Schülerinnen dieser Abiturklasse? Es gibt keine. Die sind vor
dem Abi alle sitzengeblieben.

Pasewalk.Alle haben sich zum Klassenfoto aufgestellt. Wie damals. Nur Charly fehlt noch. So rufen ihn heute noch alle, obwohl er eigentlich Karl-Otto Kerner heißt. Seine Leidenschaft war schon damals das Fotografieren. Er wurde Toningenieur. Heute lebt der Rentner in Berlin. Schnell komplettiert er das Klassenfoto. Die, die da stehen, sind alle um die 80. Vier aus der ehemaligen Klasse sind tot, ansonsten sind sie bis auf Peter Schuch alle gekommen. Auf dem Klassenfoto von damals war Karl-Heinz Rotte nicht dabei. 60 Jahre später gesellt er sich zu den anderen. Bei dem Namen Rotte horchen vor allem die älteren Pasewalker auf. Sein Vater, Christoph Rotte, war ein stadtbekannter Arzt. Die Familie lebte in der Bahnhofstraße. Auch Karl-Heinz Rotte, Jahrgang 1933, studierte Medizin. Sein Berufsleben war überaus erfolgreich. Prof. Dr. Karl-Heinz Rotte gilt als ein bekannter ostdeutscher Radiologe. Er arbeitete unter anderem an der Deutschen Akademie der Wissenschaften bei Stephan Tanneberger, machte sich um die Diagnostik von Lungentumoren verdient. Aber darum geht es beim Treffen in Pasewalk überhaupt nicht.
Die Lebenswege der Abiturienten von einst sind ein Stück deutsche Geschichte. Da ist beispielsweise Reinhard Dittmann. Er zählte zu den fünf Schülern, die in den Westen „abhauten“. Zwei davon noch vor dem Abitur. Wenn die Anderen sich im Osten zu den Klassentreffen sahen, dann organisierten die „Westler“ ihr eigenes Treffen. Die Kontakte sind nie abgebrochen. 1991 gab es erstmals nach der Wende in Weimar ein Wiedersehen der ganzen Klasse.
Reinhard Dittmann sagt: „Ich passte damals nicht in die Zeit.“ Der Abiturient war in der Jungen Gemeinde aktiv. Er wollte unbedingt Physik studieren. Das wollte man jemandem, der sich nicht für den Sozialismus engagierte, nicht gestatten. Also ging Reinhard Dittmann, erfüllte sich seinen Traum, promovierte. Bis 1996 arbeitete er sehr erfolgreich am Berliner Institut der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Während seine Mitschüler von einst beklagen, dass Pasewalk einfach zu viele Plattenbauten habe, legt er eine andere Sicht der Dinge dar. „Ich habe Pasewalk noch mit enttrümmert. Die Stadt war sehr zerstört. Da mussten schnell Wohnungen gebaut werden.“
Nur drei der Abiturienten von 1953 leben heute noch in „ihrer“ Stadt: Heinz Fiedler, Günther Schirsch und Günter Horn. Heinz Fiedler nahm die Organisation des Treffens in die Hand. Die Jahre vor der Rente arbeitete der Ökonom beim Pasewalker Wohnungsbaukombinat.
Dass die Abiturklasse 12 b1 letztendlich aus 17 jungen Männern bestand, ist eher zufällig. Die Damen waren in der zehnten Klasse sitzengeblieben und somit nicht mehr dabei. Da gab es aber in der Parallelklasse ein hübsches Mädchen, auf das hatte Harald Lange ein Auge geworfen: Elisabeth Mansel. Die Liebe von damals hat gehalten. Die beiden sind seit 55 Jahren verheiratet. Harald Lange nimmt seine Elisabeth in den Arm: „Ich mag heute noch ihre Klugheit und Lieblichkeit.“ Sie strahlt ihn an. Neben den zwei Söhnen gehören fünf Enkel und ein Urenkel zur Familie. In Pasewalk sind die Berliner heute seltener. Als Elisabeths Mutter noch im Altenheim Sankt Spiritus lebte, waren sie öfter hier.
Wie bei jedem Treffen, die es seit 1983 gibt, spielen natürlich die Schulstreiche von einst eine Rolle. Alle erinnern sich daran, als es nach bestandenen Abiturprüfungen auf dem Schulhof ein großes Feuer gab. Dort wurden die Schulbücher verbrannt. Oder als ein junger Mann aus der Klasse eine Wette einlösen musste. Mit Badehose bekleidet und Regenschirm lief er vom Bahnhof bis zu den Kerners, die am Prenzlauer Tor wohnten.
Karl-Otto Kerner schaut sich im Flur des Gymnasiums aufmerksam um. Die zusätzliche Klingel von damals gibt es nicht mehr. Damit gelang es pfiffigen Schülern einst, die Unterrichtsstunden vorzeitig zu beenden. Fast kann man nicht glauben, dass die Abiturienten von einst heute um die 80 sind. Sie haben sich irgendwie ihre Jugendlichkeit bewahrt.

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a.stegemann@nordkurier.de

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