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Scharfes aus dem Feuer

In Helge Gerhardts Werkstatt entstehen am Feuer besondere Stücke.
In Helge Gerhardts Werkstatt entstehen am Feuer besondere Stücke.

Damaszener-Stahl“ – das klingt nach Orient und Geschichten aus 1001 Nacht oder nach berühmten Schwertern, um die einst edle Ritter kämpften. In der Schmiede von Helge Gerhardt in Blumenhagen zwischen Pasewalk und Strasburg in der Uckermark kann man viel über dieses legendäre Metall erfahren. Der 51-Jährige ist Schmied aus Leidenschaft. Schon als kleiner Junge begeisterte er sich für das traditionelle Handwerk.
„Die alte LPG-Schmiede in unserem Dorf zog mich damals magisch an“, erinnert er sich. „Wie dort aus dem hartem Metall im Feuer ein formbares Material wurde, hat mich unheimlich fasziniert.“ Später während seiner Lehre als Landmaschinenschlosser wurde das Schmieden zu seinem Hobby, dem er ein Großteil seiner Freizeit opferte.

Damaskus als Zentrum des Waffenhandels

Nach dem Bau einer neuen Schmiede und Schlosserei in seinem Heimatdorf Blumenhagen machte er 2001 sein Hobby zum Beruf. Bereits ein Jahr später absolvierte er einen Lehrgang in Augsburg und beschäftigt sich dort erstmals intensiv mit dem Schmieden von Damaszener-Stahl. Seitdem lässt ihn diese über 3500 Jahre alte Handwerkstechnik nicht mehr los. Obwohl der legendäre Stahl nach der Stadt Damaskus benannt wurde, hat man ihn dort nicht erfunden. Die syrische Metropole war allerdings jahrhundertelang das Zentrum des orientalischen Waffenhandels und durch Kaufleute gelangte von dort die Kunde von dem bemerkenswerten Werkstoff bis nach Westeuropa, wo noch heute diese Stähle als „Damaszener“ bekannt sind.

Teure Schwerter für die Adligen

„Technisch exakt bezeichnet man den Damaszener-Stahl übrigens als Schweißverbundstahl“, erklärt Helge Gerhardt. „Nach traditionellem Verständnis wollte man durch den Schweißverbund die Vorteile unterschiedlicher Stähle kombinieren.“
Ursprünglich wurde dieser Stahl vorrangig zur Herstellung von Schwertern verwendet, an deren Klingen man höchste Qualitätsanforderungen stellte. Sie gehörten damals zu den teuersten Waffen, die sich nur die adlige Führungsschicht leisten konnte.
In der modernen Technik spielt Damaszener-Stahl kaum noch eine Rolle. Längst gibt es hochwertigen Monostahl in vielen Sorten, der den historischen Stahl technologisch ersetzt.
Seine Beliebtheit in der Gegenwart verdankt der Damaszener vor allem seiner dekorativen Struktur. Diese setzt man bewusst ein, um die optische Attraktivität bestimmter Erzeugnisse zu erhöhen. Auch Helge Gerhardt begeistert sich immer wieder an den Mustern und Zeichnungen, die beim Schmieden entstehen.
Schaut man sich in seiner Werkstatt um, kann man an vielen Arbeiten die typischen Damaszener-Muster entdecken: Lanzen, Dolche, Schwerter. Mittlerweile schätzen Museen und Historiker die Replikate aus Blumenhagen und konsultieren den Fachmann, wenn historische Waffen rekonstruiert oder nachgebaut werden sollen. „Trotz moderner Technik und Materialien sind die attraktiven, scharfen Damastklingen noch heute sehr beliebt“, erklärt Helge Gerhardt und zeigt einige Messer, die kürzlich bei ihm in Auftrag gegeben wurden.
Ihre Herstellung unterscheidet sich dabei kaum von jener im Mittelalter. So beginnt auch bei Helge Gerhardt alles mit der Auswahl bestimmter Stahl- und Eisensorten, die er kombiniert und im Feuer lagenweise zu einem „Paket“ verschweißt. Dann wird der Stahl erhitzt und gefaltet, wobei sich jedes mal die Anzahl der Lagen oder Schichten verdoppelt. Oft endet dieser Arbeitsgang erst, wenn über 100 Lagen erreicht sind.
Nun folgt das eigentliche Schmieden der Form. Aus dem Metallrohling entsteht unter den Hammerschlägen des Schmiedes die Klinge für ein Messer oder Schwert. Die wird danach geschliffen, gehärtet und angelassen.
Um die durch bestimmte Schmiedetechniken entstandenen Damaszener-Strukturen besser sichtbar zu machen wird der Stahl anschließend geätzt und poliert. Allein die Anzahl der verschiedenen Arbeitsgänge verdeutlicht den Aufwand. Selbst für eine kleine Messerklinge benötigt man nicht selten über zehn Arbeitsstunden.

Rosendamast beeindruckt die Kenner

Obwohl die Schärfe und Dauerhaftigkeit der Damast-Messer auch heute noch beeindruckend ist, schätzen Liebhaber meist die außergewöhnliche Schönheit der Strukturen und Muster auf den Klingen. Jedes Messer wird durch sie zum unverwechselbarem Unikat. Wellen-, Rosen-, Streifen- oder Torsionsdamast sind nur einige Bezeichnungen, mit denen Fachleute und Sammler jene Zeichnungen auf dem Metall charakterisieren.
„Damaststahl-Sc3hmieden ist für jeden Schmied eine Herausforderung an sein handwerkliches Können“, sagt Helge Gerhardt. „Es ist die hohe Schule unseres Handwerks.“ So erstaunt es nicht, dass der Blumenhagener neben der alltäglichen Arbeit in seiner Firma immer wieder den Kontakt zu Gleichgesinnten sucht, die sich für diese alte Handwerkstechnik begeistern.
Er reist zu internationalen Schmiedetreffen und ist Mitglied der „Hephaido-Brudderschaft“, einer berühmten Schmiedevereinigung in
Luxemburg.
Im Jahr 2008 beteiligte er sich in Holland am Nachbau des historischen Handelsschiffes „Batavia“. Zusammen mit anderen Handwerkskollegen schmiedete er an einem Wochenende Replikate damaliger Waffen für dieses Schiff.

Nur wenige beherrschen die Technik noch

Obwohl im 18. Jahrhundert die Kunst des Damast-Schmiedens in Deutschland noch mal eine Blüte erlebte, gibt es heute nur noch wenige Schmiede, die die komplizierte Technik beherrschen. Helge Gerhard ist ständig bestrebt, seine Fertigkeiten und Kenntnisse zu erweitern, sieht er dies doch als eine Art Traditionspflege. Er möchte die Technik neu beleben und sie einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Für Interessenten, die es einmal selbst ausprobieren möchten, bietet er künftig in Blumenhagen Kurse an.

www.dorfschmiede-gerhardt.de
 

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