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Sie sind die Unersetzlichen

VonRainer Marten

„Wir sind gewollt, aber
unser Beruf ist nicht anerkannt.“ – Irmtrud Link formuliert ein hartes Urteil. Die Löcknitzerin, gelernte Krippenerzieherin, ist seit 1993 als Tagesmutter tätig. Sie ist eine von sechs in Löcknitz, die zusammen
25 Kinder betreuen.
Ohne sie geht noch weniger in Löcknitz.

Löcknitz.Gewollt, aber nicht anerkannt! Die fehlende Anerkennung bezieht Irmtrud Link nicht etwa auf die Familien, die Tag für Tag ihr Kind in die private Betreuung geben. „Da erfahren wir alle Lob und Respekt“, sagt sie. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen indes sind es, die es einer Tagesmutter schwer machen, im Job zu überleben. Steuern, Krankenversicherung, Rentenversicherung – der Gesetzgeber schröpft Tagesmütter, wo und wie es nur geht, meint sie. Anfang der 1990erJahre war alles unbürokratischer.
In Löcknitz tragen die sechs Frauen dazu bei, dass sowohl Väter als auch Mütter gemeinsam der Arbeit nachgehen können. Die in der
Gemeinde zur Verfügung stehenden Betreuungsplätze reichen nicht aus, um den Bedarf abzudecken. Bleibt jemand mit seinem Kind zu Hause, verhindert er Sozialkontakte, Bildung, das Erleben einer Gemeinschaft mit all seinen kleinen und großen Auseinandersetzungen. Gerade sie, die Auseinandersetzungen im Kindesalter, formen Charakter und Wille.
Ihre Tätigkeit nahm Irmtrud Link auf Empfehlung auf: Das Jugendamt der Kreisverwaltung erkannte Anfang der 1990erJahre den Bedarf für die Kleinkindbetreuung in Löcknitz. Die Krippen der DDR-Zeit schlossen, für die Eltern war es schwer, für die Altersgruppe bis drei Jahre einen Betreuer zu finden. Fachpersonal gab es indes, qualifiziert lange vor der Wende. Irmtrud Link selbst war gerade arbeitslos, da das Holzwerk, ihre damalige Arbeitsstelle, dicht machte. Sie und Gabriele Holke wurden so die ersten Tagesmütter in Löcknitz. 20 Jahre im Amt, eine lange Zeit. „Ohne den Rückhalt der Familie wäre das gar nicht zu schaffen“, stellt Irmtrud Link heute fest.
Aufgrund ihrer Flexibilität sichern die Frauen Betreuungszeiten ab, die die Kindertagesstätte nicht bietet. Es gab Zeiten, da wurde ein Kind schon um 4.45 Uhr gebracht, andere um 18.30 Uhr abgeholt. Zwölf Stunden Betreuungszeit anzubieten, das soll laut Zulassung eine Tagesmutter schon leisten können… Laut Pflegeerlaubnis dürfen die Tagesmütter bis zu fünf Kinder betreuen. Mit 25 Kindern, so eine Nachfrage bei der Kreisverwaltung Vorpommern-Greifswald, ist die genehmigte Kapazität ausgelastet. Allerdings liegt auch kein Antrag auf Zulassung als Tagesmutter vor. Die Kinder der Kita und der Tagesmütter kommen irgendwann zur Grundschule. Und dort wird es richtig eng.

Kontakt zum Autor
r.marten@nordkurier.de

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