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So ein Spa(r)tenleben ist schon aufregend...

Von Rita Nitsch

Der Pasewalker Kleingärtner Horst Österreich kennt die Sparte „Freundschaft“ in- und auswendig. Und er kann Geschichten erzählen! Seit 1952 hat er hier selbst seine kleine Parzelle und beobachtet genau, was so vor sich geht.

Pasewalk. Die Kartoffeln stehen gut, der Rhododendron blüht herrlich – zufrieden schaut sich Horst Oesterreich in seinem Garten um. Im Sommer ist der 81-Jährige täglich hier. Versorgt seine Kaninchen und jätet Unkraut. Seit 61 Jahren hat er in der Pasewalker Sparte „Freundschaft“ seine Parzelle. Gut 40 Jahre lang hat er im Vorstand mitgearbeitet. Da die Anlage in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag feiert und der Vorstand an Jahren noch recht jung ist, sind Horst Oesterreichs Erinnerungen gefragt. Wenn er erzählt, muss man Zeit mitbringen. „Ich bin quasi in dieser Anlage groß geworden. Schon meine Großeltern hatten hier einen Garten“, erzählt der Hobbygärtner. Enkel Horst bekam mit vier Jahren sein erstes Beet. Damals waren es viele Eisenbahner, die hier einen Anfang 1923 wagten. Kein Wunder, dass die ersten Zaunpfähle ausrangierte Bahnschwellen waren.

Als er selbst eine Familie gründete, wurde der Pasewalker 1952 Gartenbesitzer. „Der damalige Vorstandschef vergab den Garten nur, wenn ich mich im Vorstand engagieren würde“, erinnert sich der Senior. Also: rein ins Abenteuer Sparte.

Nach dem zweiten Weltkrieg lag auf dem Gelände alles brach. Jeder, der wollte, steckte sich ein Stück Land ab oder erntete von den Obstbäumen, die noch stehen geblieben waren. Die erste Spartengründung bestand darin, dass jeder auf einem Zettel an seiner Parzelle mitteilte, wie er heißt und wo er wohnt.

Als die Stasi kam und das Buddeln verbot

Um 1952 begann die Sparte sich zu mausern. Ein Festplatz mit Tanzfläche entstand. Nicht nur am heutigen Standort hatte die Sparte Land, so gehörten auch Gärten an der Uecker und am Schwarzen Damm – 220 Gärten waren es insgesamt – dazu. Außerdem besaß die Sparte 28 Morgen Ackerland und 25 Morgen Wiesen. „Wie ein kleines Gut“, meint Horst Oesterreich. Später gingen die größeren Ackerflächen an die LPG.

1959 wurde der Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) gegründet, und auch die Sparte, jetzt nur noch mit 110 Gärten, schloss sich an. Zwei Pumpen gab es damals nur für die ganze Anlage. Der Wunsch nach einer Wasserleitung wuchs Anfang der 60er-Jahre. Doch es gab keine Rohre. „Plötzlich kam an einem Abend im Dezember 1996 ein Anruf. Ein Schwerlasttransporter mit Rohren aus Überbeständen steht vor dem Pasewalker ,Putenkrug‘ und wartet darauf, abgeladen zu werden“, erinnert sich Oesterreich. Noch in der Nacht halfen Spartenmitglieder, die Ware abzuladen und in einer Scheune zwischenzulagern. Doch woher auf die Schnelle die 2000 Mark nehmen? Nach Verhandlungen rückte die Sparkasse einen Kredit heraus. Die Mitglieder zahlten diesen Stück für Stück zurück und zogen jeder für sich die Anschlussgräben. Endlich, im Herbst 1967 floss das Wasser.

Dann kam die Begehrlichkeit nach Strom. Auch hier könnte Horst Oesterreich Geschichten erzählen, die manchmal haarsträubend waren. Wie die, als an der zu schaufelnden Kabeltrasse Stasi-Leute auftauchten und darauf hinwiesen, dass man hier nicht buddeln könne. Denn in der Nähe verlaufe das internationale Telefonkabel von Moskau nach London...

Den 90. Geburtstag wollen die Spartenmitglieder am 10. August auf dem Festplatz feiern. Gern ist Horst Oesterreich bereit, dem Vorstand weitere Geschichten zu erzählen, vielleicht für eine Chronik. So zum Beispiel, wer bisher die Vorsitzenden nach 1945 waren: Fritz Zimmermann, Horst Oesterreich, Friedrich-Karl-Marquardt und Reinhard Voigt. Heute hält Holger Liedtke die Fäden in der Hand.

Offen bleibt die Frage, ob die Sparte „Freundschaft“ vor 1945 schon einen Namen trug. Wer das weiß, kann anrufen: Telefon 03973 203715.

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