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Stillsitzen und Däumchen drehen? Undenkbar!

VonRita Nitsch

Barbara Neuser
ist 80 Jahre alt,
sieht aus wie 60
und ist aktiv wie eine 20-Jährige. Die quirlige Dame ist Gründerin des Pasewalker Vereins
für deutsch-polnische
Kultur und Integration
und hat seit ihrem Zuzug 2009 hier eine Menge bewegt.

Pasewalk.Wenn in der Pasewalker Baustraße 37 das Telefon klingelt, dann kann es sein, dass die Begrüßung erst einmal zweisprachig ausfällt – in Deutsch und in Polnisch. Am Apparat ist Barbara Neuser, deren Wiege einst in Katowice stand. Gestern wurde sie 80 Jahre alt. Vor Gratulanten konnte sich die quirlige Frau kaum retten. Dabei ist sie noch gar nicht so lange Pasewalkerin. Erst im Jahre 2009 zog sie mit ihrem Mann Gerold in die Kürassierstadt. Ärzte hatten zum Umzug geraten, weil die Luft für den herzkranken Mann in Stuttgart nicht so gut war. Von Stuttgart aus hatte die diplomierte Reisekauffrau über Jahrzehnte von Polen und in ihrer späteren Heimat Deutschland aus als Reiseleiterin gearbeitet. In Stuttgart leitete sie ein Polorbis-Reisebüro. „Schon immer war es mein Anliegen, Jung und Alt für das Land und die polnische Kultur zu begeistern“, erzählt sie.
Als Barbara Neuser nach Pasewalk kam, zögerte sie nicht lange, besorgte sich einen Termin beim Bürgermeister und sprach bei ihm vor. Sie fragte nach, ob in der Stadt schon ein Verein bestehe, der sich um deutsch-polnische Begegnungen kümmere. Stillsitzen und Däumchen drehen? Sie doch nicht! Und über einen Verein wolle sie helfen, eine Brücke zwischen den beiden Ländern zu bauen.
„Ich war sehr erstaunt, als eine 76-jährige Frau vor mir stand und so einen Vorschlag machte“, erinnert sich Bürggermeister Rainer Dambach. Aber warum eigentlich nicht? – dachte er bei sich. Barbara Neuser nahm die Sache in die Hand, suchte Mitglieder und Verbündete für ihren Verein. Im März 2010 war es dann soweit, der Deutsch-polnische Verein für Kultur und Integration wurde gegründet. Seitdem ist Barbara Neuser gemeinsam mit dem Vorstand unermüdlich. Organisiert Kulturfahrten nach Szczecin. Sie führte auch Veranstaltungen in Pasewalk ein, beispielsweise Vorträge zur Geschichte oder in der Vorweihnachtszeit „Oplatek“.
2012 dann eine Schicksalsschlag. Barbara Neuser erkrankte an Brustkrebs. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen. Selbst vom Krankenbett aus dirigierte sie den Verein per Handy. Heute geht es ihr wieder gut. „Ich danke allen für die Unterstützung und die gute Zeit bisher in Pasewalk“, sagt das Geburtstagskind. Denn hier habe sie
viele Freunde und auch
wunderbare Nachbarn gefunden.
Mit ihrem Engagement steckte Barbara Neuser schon viele Menschen an. So fand sie Mitstreiter im Pasewalker Kantor Johannes Geßner, im Pasewalker Musikverein, in der Stadt Pasewalk und im katholischen Pfarrer Grzegorz Mazur. Auch zu Pasewalks Partnerstadt Police fand Barbara Neuser schnell Kontakt. So gibt es dort so manche deutsch-polnische Begegnung zusätzlich. Ihr sei es wichtig, dass alte Vorurteile über Bord geworfen werden und Freundschaften entstehen. „Die Großstadt vermisse ich in Pasewalk nicht“, sagt die 80-Jährige. Ihr seien die Familie und der Verein sehr wichtig. Zu ihrer großen Geburtstagsfeier jedenfalls kamen alle, die ihr lieb und teuer sind. Eine besondere Überraschung gab es vom Arbeitslosenverband Uecker-Randow: eine lustige Modenschau.
Und auf ihrem Schreibtisch liegen schon neue Prospekte mit kulturellen Angeboten aus dem Stettiner Schloss bereit, sodass es bald wieder eine neue Einladung vom Pasewalker Verein geben wird. Übrigens: Barbara Neuser bekam für ihre Bemühungen, den polnischen Tourismus zu fördern, im Jahre 2009 das goldene Verdienstkreuz der Republik Polens verliehen.

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