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Zerbrechliches macht Dorf reich

Die Glashütte Stolzenburg anno dazumal. Dies war eines von drei Hüttengebäuden, in denen Schmelzöfen standen. [KT_CREDIT]
Die Glashütte Stolzenburg anno dazumal. Dies war eines von drei Hüttengebäuden, in denen Schmelzöfen standen. [KT_CREDIT]

Von unserem Mitarbeiter
Hartwig K. Neuwald

Die letzte Glashütte in der Ueckermünder Heide hat über 260 Jahre bestanden.
Die Berliner Schultheiss- Brauerei bezog Millionen von Bierflaschen aus der Produktionsstätte.

Rothenklempenow.Noch vor 300 Jahren gehörten Mecklenburg und Vorpommern zu den wichtigsten Zentren der Glasproduktion in deutschen Landen. Allerdings zeigte sich schnell, dass bei zeitweilig über 200 Glashütten auch in unserer Region der Holzvorrat der Wälder nicht unerschöpflich war. Der mit dem Raubbau entstandene Holzmangel, aber auch die teilweise überalterte, nicht mehr konkurrenzfähige Technik führten bald zur Schließung vieler Hütten.
So war bereits um 1750 die große Zeit der Glasproduktion in Mecklenburg-Vorpommern vorbei. Mit dem Konkurs der letzten Glashütte bei Alt Schwerin 1901 endete die Glasmacherei in Mecklenburg endgültig.
Ähnlich verlief die Entwicklung in Vorpommern. Dort existierte zum Ende des 19. Jahrhunderts nur noch die Stolzenburger Glashütte, die sogar bis 1929 in Produktion war. Bereits im Jahr 1665 unterzeichneten die Besitzer des Rittergutes Stolzenburg – heutiges Stolec in Polen – mit dem Glasmachermeister Daniel Zenker einen Vertrag zum Betreiben einer Glashütte im Vorwerk Chorin. Der Standort bot ideale Bedingungen. Neben dem großen Waldbestand, der das Heizmaterial und den Rohstoff für die Herstellung von Pottasche liefern sollte, gab es in unmittelbarer Nähe Vorkommen von Quarzsand, Lehm, Torf und Mergel.
Bereits im Juni 1665 begann mit neun Glasmachern die Produktion in der Stolzenburger Hütte. Trotz vieler Probleme und wirtschaftlicher Krisen, die für andere Glashütten das Ende bedeuteten, entwickelte sich die Produktionsstätte zu einem der führenden Glashersteller in der Region. Sucht man nach den Ursachen für die positive Entwicklung des Unternehmens, dann entdeckt man verschiedene Faktoren, die dies begünstigten.

Kluge Entscheidungen
für moderne Technik
Nebenden optimalen Standortbedingungen verdankt die Hütte ihre lange Existenz wohl vor allem dem klugen Management ihrer Besitzer und der Geschäftsführer. So fanden relativ schnell neueste technische Errungenschaften ihren Weg in den Produktionsprozess und machten die Hütte zur modernen, konkurrenzfähigen Produktionsstätte. Typisch dafür war die Einführung moderner Wannenöfen im 19. Jahrhundert. Diese ermöglichten erstmals eine kontinuierliche Glasschmelze und -verarbeitung.
Auf die Probleme, die der enorme Holzverbrauch der Hütte verursachte, jährlich etwa 5000 Kubikmeter reagierte man bereits Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Nutzung von Torf als Heizmaterial. 1896 erfolgte die Umstellung auf Gas, das im betriebseigenen Generatorofen aus Holz, Torf, Braun- und Steinkohle erzeugt wurde.
Bei den oft sehr abgelegenen Glashüttenstandorten in Norddeutschland waren Transportschwierigkeiten normal. In der Stolzenburger Hütte löste man das Problem mit der Anlage des Prahmgrabens. Dieser fünf Kilometer lange Kanal schuf eine Verbindung zur Randow, wodurch es möglich wurde, Glaswaren über Ueckermünde, das Stettiner Haff, die Ost- und Nordsee bis nach Dänemark und Holland zu verschiffen. Eine weitere Verbesserung brachte 1893 der Bau einer befestigten Straße sowie der Anschluss an das Kleinbahnnetz 1897. Damit erhielt die Glashütte eine direkte Anbindung an das moderne Verkehrsnetz. Jetzt konnten auf dem Schienenwege Kunden in Stettin und dem Berliner Raum beliefert werden. Um Absatzschwierigkeiten zu kompensieren, legte man ständig großen Wert auf eine breite Produktpalette und die langfristige Bindung von Großkunden.
Abnehmer für das in Stolzenburg hergestellte Flaschenglas waren neben der chemischen Industrie zeitweise bis zu 40 Brauereien. Allein die Berliner Schultheiss-Brauerei bezog jährlich bis zu eine Million Bierflaschen aus der Hütte. Neben Flaschen unterschiedlicher Art gehörten Tafelgeschirr,
Vasen, Einmachgläser, Briefbeschwerer, sogar gläserne Spazierstöcke oder Kronleuchter zu den Produkten. Auch Flachglas wurde zeitweilig produziert. Der wirtschaftliche Aufschwung des Unternehmens wirkte sich positiv auf die Entwicklung des Ortes aus. Neue Reihenhäuser für die Beschäftigten der Hütte, ein Schulneubau und die gepflasterte Dorfstraße ließen den seit 1905 selbstständigen Ort Glashütte zum industriellen Vorzeigedorf werden.

Abriss der Gebäude und
Niedergang des Dorfes
Trotzkluger Unternehmensführung und guter Auftragslage erhöhte sich der Konkurrenzdruck auf das Unternehmen im 20. Jahrhundert. Neue Produktionsverfahren, die industrielle Großproduktion mit preiswerten Massenfabrikaten und Versuche, die Stolzenburger Glashütte wirtschaftlich zu ruinieren, führten 1929 zum Verkauf an den Mannesmann-Konzern.
Mit dem letzten Besitzerwechsel endete abrupt die über 260-jährige Geschichte der Glashütte. Bereits 1933 waren alle Produktionsgebäude abgerissen und der wirtschaftliche Niedergang des Dorfes begann. Heute ist das Dorf ein Ortsteil der Gemeinde Rothenklempenow. Von den Produktionsgebäuden sind nur noch Mauerreste erhalten. Ein kleines Glasmuseum in der Heimatstube des Ortes präsentiert viele sehenswerte Exponate und gibt Informationen über eine Glashütte, die fast in Vergessenheit geraten ist.

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