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Auf der Fühlstraße in die Welt eines Blinden versetzt

Mitleid kann weh tun. Über einen Menschen in der dritten Person zu reden, obwohl er direkt vor einem steht, genauso. Mit beiden Situationen sehen sich behinderte Menschen oft konfrontiert, erzählt Carmen Beyer, stellvertretende Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung der Stadt Prenzlau.
Carmen Beyer kommt oft in Begleitung zu ihren Ärzten – einfach weil nicht alle Wege in Prenzlau für Rollstuhlfahrer gebaut sind und sie sich sicherer fühlt, jemanden an ihrer Seite zu wissen. „Und es passiert immer wieder, dass der Arzt meine Begleitung fragt, was ich denn habe, anstatt mich selbst. Als ob ich nicht reden könnte oder noch ein kleines Kind wäre“, ärgert sie sich.

Auf solche Probleme macht der bundesweite Aktionstag „Miteinander gestalten – Inklusion – Barrierefrei für Menschen mit Behinderung“ aufmerksam, der mit Ständen, Tanz und Spiel am Dienstag in der Prenzlauer Friedrichstraße gefeiert wurde. „Wir wollen erreichen, dass Behinderte dafür anerkannt und nicht bemitleidet werden, wie sie ihren Tagesablauf organisieren“, erzählt Elvira Wieland, Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung der Stadt Prenzlau.
Denn als Behinderter ein selbstständiges Leben zu führen, einer Arbeit nachzugehen oder im Rollstuhl seine Einkäufe zu erledigen, sei viel schwieriger – und sollte als besondere Leistung anerkannt werden. Also, Schluss mit Mitleid! Darüber sind sich auch Marek Martini (18 Jahre), Max Flamma (16), Maximilian Drewikke (16) und Andy Eygner (18) von der Lebensschule Uckermark einig. Mitleidige Blicke mögen die vier jungen Männer überhaupt nicht. Und haben sie auch gar nicht nötig.

 

Zeigen, was man kann

So haben sie zum Beispiel im Unterricht eine Modelleisenbahn gebaut, die sie auf dem Aktionstag vorstellen. Warum? „Wir wollen zeigen, was wir können“, stellt Marek Martini klar. Und erklärt sogleich, dass zum Aufbau einer Modelleisenbahn mehr gehöre, als Gleise ineinanderzustecken. „Eine Lokomotive ist sehr teuer. Wir haben deshalb zunächst Nistkästen für Vögel gebaut und verkauft, um das Geld für die Lokomotiven zusammenzubekommen.“
Außerdem, so Elvira Wieland, sollen Nicht-Behinderte am Aktionstag die Möglichkeit haben, Ängste und Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen. Wie Elvira Wieland es formuliert: „Wir wünschen uns mehr Miteinander im täglichen Leben.“ Dies fördern sie zum Beispiel durch den Aufbau der Fühlstraße, die Kindern hilft, die Welt eines Blinden nachzuempfinden.

 

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