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Das Mittelalter stinkt immer noch

Links: von den Deutschen auf Töpferscherben gefertigte Ware. Rechts: mit den Händen geformte Keramik von den Slawen.
Links: von den Deutschen auf Töpferscherben gefertigte Ware. Rechts: mit den Händen geformte Keramik von den Slawen.

„Heute hatten wir Glück“, berichtet Mike Kwiotek. Es ist eine mittelalterliche Abfallgrube, die den Archäologen zu dieser Aussage veranlasst hat. Gefunden haben sie Mike Kwiotek und sein Chef Manfred Roeder, ebenfalls Archäologe, in Fürstenwerder. Es ist nicht die erste mittelalterliche Abfallgrube, die die beiden in dem uckermärkischen Dorf zwischen Woldegk und Feldberg ausmachen konnten. Aber es ist die erste mit Scherben aus deutscher und aus slawischer Produktion, gefunden in der gleichen Erdschicht.
Die Archäologen datieren sie auf die Mitte des 13. Jahrhunderts. Das bedeutet für Fürstenwerder, dass dort deutsche Siedler und Slawen zumindest nebeneinander lebten. Wie kämen sonst ihre Abfälle in eine Grube. Während die Deutschen harte Grauware mit der Töpferscheibe herstellten, fertigten die Slawen ihre Keramik noch traditionell mit der Hand. Wellenband und das Tannenbaummuster sind Beweise für die slawische Herkunft. Mike Kwiotek vermutet, dass zu dem Zeitpunkt, als die Scherben im Abfall entsorgt wurden, sogar noch wendisch gesprochen wurde in Fürstenwerder und seiner Umgebung. Derartige Gruben sind stark organisch und haben eine schwärzlich-graue Verfärbung. In der Erde gearbeitet wird in Fürstenwerder, weil auch dort Haushalte an ein Biogas-Fernwärmenetz angeschlossen werden. Fürstenwerder ist ein eingetragenes Bodendenkmal, weil es sich bei dem Ort um eine mittelalterliche Stadtgründung handelt. Und so kam eben auch eine historische Straßenoberfläche wieder zum Vorschein (Berliner Straße Ecke Karl-Marx-Straße). Fachmann Roeder konnte das Mittelalter geradezu riechen. „Es stinkt“, beschreibt der Archäologe die Geruchslage, als man diesen Bereich frei legte. Ein ziemlich sicheres Indiz für das Mittelalter. Beweise für ein mittelalterliches Datum dieses Straßenstücks wie Scherben oder dergleichen fanden sich indes nicht.
Wie in weiteren Abfallgruben in Fürstenwerder wurden auch in der aktuellsten Tierknochen und Speisereste gefunden. In anderen lag auch schon mal Eisenschlacke, ein Anzeichen dafür, dass in diesem Bereich (Ernst-Thälmann-Straße Ecke Kirchstraße) einmal verhüttet worden sein könnte, so Manfred Roeder. Auch Funde neueren Datums, aber nicht weniger interessant, kamen wieder ans Tageslicht. So stieß man bei den Baggerarbeiten auf den Anfang eines Ganges, der vermutlich von der Schule in eine Art Luftschutzbunker geführt hat, erläutert Manfred Roeder, der Inhaber der Firma Archäologischer Service Roeder ist.
Der Fachmann wurde von der Unteren Denkmalschutzbehörde archäologisch beauftragt. Seit dem 10. Juli 2012 sind er und seine Mitarbeiter dabei, sämtliche Funde im Zuge der Erdarbeiten in dem Grenzdorf zu untersuchen, zu bergen und in Bild und Schrift festzuhalten, je nachdem, um was es sich handelt. Die Stücke werden gewaschen, beschriftet, inventarisiert und nach Wünsdorf gebracht. Dort kommen sie in das brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und archäologische Landesmuseum.

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