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Ein „außergewöhnliches Kind“

Paul interessiert sich für U-Boote, Filme und PC-Spiele. Am liebsten „zockt“ er.  FOTO: Lucian Milasan
Paul interessiert sich für U-Boote, Filme und PC-Spiele. Am liebsten „zockt“ er. FOTO: Lucian Milasan

Paul sagt zu seinen Eltern oft hässliche Wörter – Sachen wie„Arschloch“ oder „Hast du jetzt total den Verstand verloren“. Wenn seine Mutter mit ihm redet, guckt er sie nicht an. Und wenn er den Blick hebt, blickt er durch sie hindurch. Einen Kuss oder eine Umarmung bekommt sie von ihrem Sohn nicht. Freunde hat er keine. Will er aber auch nicht. Weihnachten ist ihm ziemlich egal, über ein Geschenk freut er sich nur wenig. Er zeigt weder Gefühle noch möchte er Körperkontakt haben.
Paul ist 15 Jahre alt und Autist. Er wisse nicht, sagt seine Mutter Arne Deloweit, wie sehr er seine Mitmenschen mit seinem Verhalten verletze. Trotzdem glaubt Arne Deloweit nicht, dass Paul keine Gefühle habe. „Mit unseren Katzen geht er sehr liebevoll um. Manchmal kuschelt er mit ihnen.“

Dass Paul anders ist, wusste seine Mutter schon sehr früh. „Es war einfach ein Gefühl. Und solche Sachen, dass er so schlecht aß, und wenn, dann nur den Brei, den er kannte.“ Veränderungen sind für Paul ein Gräuel. Und Renovierungen innerhalb des Hauses sind für die gesamte Familie ein Höllentrip. „Wir haben mal versucht, sein Zimmer neu zu tapezieren. Er ist einfach nur ausgerastet. Schließlich hat er seine alte Tapete mit Uhukleber wieder angeklebt.“ Eine endgültige Diagnose bekamen Pauls Eltern erst vor drei Jahren, da war Paul zwölf Jahre alt. Die Ärzte würden sich scheuen, ein Kind in die Schublade „Autismus“ zu stecken, so erklärt es Arne Deloweit.
Für die Eltern war es ein Aufatmen. Endlich konnte Paul das gesamte Förderangebot für Autisten nutzen. Kurz darauf gründete Arne Deloweit die Selbsthilfegruppe „Autismus und Angehörige“. Dort treffen sich Deloweits mit acht anderen Elternteilen, die autistische Kinder haben. „Es tut gut, jemanden außer dem eigenen Partner zu haben, um darüber zu reden. Ich fühle mich von den anderen Mitgliedern verstanden“, erklärt Arne Deloweit. Dort kann sie auch über ihre Zweifel reden: Versagt sie als Mutter, wenn sie nicht zu ihrem Kind durchdringen kann? Die anderen Mütter kennen diese Fragen.

Über Pauls Fortschritte freue sie sich dafür umso mehr – und die gibt es.
Früher sei es ein Kampf gewesen, Paul die Haare zu waschen. Berührungen am Kopf mag er gar nicht. Inzwischen klappt das reibungslos. Paul kann sich selbst ein Brötchen schmieren. Und alleine mit dem Bus zur Förderschule fahren. Außerdem kann er problemlos Filmszenen und Gedichte auswendig lernen – auch sehr lange.
Für die Zukunft wünscht sich Arne Deloweit, dass Paul irgendwann einmal selbstständig leben kann. Und, aber das sagt sie nur ganz leise, dass Paul vielleicht eines Tages mal einen Kumpel hat, mit dem er quatsche und abhänge. Bis dahin wird Arne Deloweit ihrem Paul weiterhin jeden Tag die Kleidung raussuchen – „ihrem außergewöhnlichen Kind, das Geschenk und Lebensaufgabe in einem ist“.
 

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