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Er kocht schon, aber nur vor Wut

Gerade hat sich wieder einer seiner Träume zerschlagen. Einen Monat lang war Enrico Müller in einem neueröffneten Café zur Probe angestellt gewesen. „Doch als sich dort abzeichnete, dass der Gästestrom nicht wie erwartet steigt, rückte die versprochenene Festanstellung in weite Ferne.“ Der junge Mann erzählt das ganz beiläufig beim Besuch in der Redaktion. Doch alles Schauspielern nützt nichts, dem Prenzlauer ist deutlich anzumerken, dass ihm die ständigen Nackenschläge im Job langsam an die Substanz gehen. „Ich traue mich schon gar nicht mehr, mich auf eine Stelle zu freuen. Unter Garantie geht das dann wieder schief“, sagt Enrico Müller, der heute seinen 27. Geburtstag feiert und eigentlich keinen sehnlicheren Geburtstagswunsch hat als eine Festanstellung. Aber irgendwie habe seine „Karriere“ von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden, beklagt der Kreisstädter. Der eigentlich sehr renommierte Ausbildungsbetrieb, über dessen Zusage er sich so sehr gefreut hatte, meldete noch vor Ende seiner Lehre Insolvenz an. Das letzte Jahr absolvierte er dann in einer anderen Gaststätte, doch dort gab es keine Übernahmekapazitäten.

Glück oder Pech?

Je nachdem, wie man es betrachtet: Als geförderte Arbeitskraft wurde er interessant.
„Zweieinhalb Jahre hatte ich eine tolle Stelle in einer Großküche. Doch als die Zuschüsse vom Amt endeten, musste ich meinen Hut nehmen“, bedauert der Koch diesen Abschied noch immer.
In den folgenden Monaten habe er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Immer nur auf Zuverdienstbasis und unter den strengen Augen von Vater Staat. Damit ihm auch ja nicht ein Cent zu viel blieb. „Dafür bin ich mitten in der Nacht aufgestanden, habe auf Wochenenden und Feiertage verzichtet, aber letztlich war ich immer der Erste, der gehen musste, weil ich als Letzter gekommen war“, bilanziert der sympathische Singlemann traurig. Dabei sei er nicht mal fordernd, was den Lohn anbelangt. „Über die Gehälter würden Arbeitnehmer im Westen nur lachen. Aber wir hier stecken sie ein und sind froh, überhaupt etwas zu bekommen“, setzt er müde hinzu.

An seine heutige Geburtstagsparty mag er deshalb gar nicht denken. Zum einen, weil das Geld natürlich langsam knapp wird, zum anderen weil sein sehnlichster Wunsch vermutlich auch heute nicht in Erfüllung geht. Warum er nicht längst schon seine Koffer gepackt und aus der Region weggegangen ist? Enrico Müller muss bei der Antwort nicht lange überlegen: „Meine Mutter und meine Oma leben hier, außerdem mein Freundeskreis. Ich hänge an Prenzlau und ginge nur ungern woanders hin.“ Doch langsam bressiert die Situation, guckt er auch schon über den Tellerrand hinweg. „Es wäre trotzdem ein Witz, denn gerade die Gastronomiebranche beklagt doch ständig öffentlich, dass sie unter enormen Fachkräftemangel zu leiden hat. Deshalb sage ich: Hier ist ein Fachmann, der gerne bleiben würde. Warum nehmt ihr nicht mich?“
Telefon: 0173 4470943
 

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