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Haases letzte Skulptur – in Demut

„Skulptur ein Gestus – Demut“ nannte Volkmar Haase dieses letzte Werk.
„Skulptur ein Gestus – Demut“ nannte Volkmar Haase dieses letzte Werk.

Die Tage der „Offenen Ateliers“ in der Uckermark waren Volkmar Haase immer willkommene Gelegenheit, mit jenen ins Gespräch zu kommen, die sich für seine Arbeiten interessierten. So lernte der international bekannte Bildhauer nicht nur neue Menschen kennen, sondern hörte viele Meinungen zu seinen Werken – neben zahllosen Bildern vor allem Skulpturen, unübersehbare. Zahllose davon füllen den Hof und den Park des Gutshauses Brüssow, das er mit seiner Frau Ingrid 2003 bezogen hatte.
Als Volkmar Haase starb, war das für sie natürlich schrecklich. Doch heute kann sie gefasst über ihn und sein Werk sprechen. Mit Tochter Katja hat sie für sich entschieden: „Ich bleibe hier. Ich habe mich mit dem Werk meines Mannes identifiziert. Das kann man nicht einfach aufgeben.“ So hofft sie zu den „Offenen Ateliers“ am 4. und 5. Mai auf Besucher, denen sie von 11 bis 16 Uhr das Tor zum Gutshof und die Türen zu den Galerieräumen öffnen wird. „Später wollen wir noch mehr Ausstellungen zeigen“, verrät die zierliche Frau. Am Beginn des siebenten Lebensjahrzehnts stehend, nahm sie die Herausforderung an und findet Freude daran. „Wissen Sie, bisher war ich die Assistentin meines Mannes. Er hatte die Fäden in der Hand. Dabei konnte ich viel lernen, aber entschieden hat immer er. Nun habe ich gemerkt, ich kann das auch sehr gut.“
Wie gut sie organisieren, Kontakt zu Interessenten halten und künstlerisch beraten kann, stellte sie in ihrem Berufsleben hundertfach unter Beweis. „So habe ich auch meinem Mann beratend beigestanden“, lächelt sie. Viel Hochachtung hegt sie vor dem Können des Mannes an ihrer Seite, das nach ihren Worten in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt ist.Und so verleiht ihr sein Vermächtnis den inneren Antrieb, Pläne zu schmieden.
Den Besuchern am Wochenende zum Beispiel wird sie eine umwerfende Geschichte erzählen, in deren Mittelpunkt die letzte Skulptur Volkmar Haases steht. Ein Titel wie „Vom Anfang und vom Ende“ wäre zu profan für das, was der Meister des Metalls – der seine Gedanken in immer neue Formen aus Eisen und Edelstahl fließen ließ – erlebte. Blutjung hatte er wohl seinen künstlerischen Anstoß von Georg Kolbe (1877-1947) erhalten. Kurz nach dem Tod Kolbes, der zu den begabtesten Bildhauern Deutschlands gehörte, konnte Haase dessen Atelier ungehindert besuchen. Wie sehr er davon berührt und beeindruckt war, schilderte er später seiner Frau. Kolbe schuf 1930/31 für das Rundfunkhaus in der Berliner Masurenallee die bronzene Frauenfigur „Nacht“, die die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme entfernten. Letztmalig soll sie 1937 im Reichssender Königsberg aufgestellt worden sein. „Seitdem ist sie verschollen“, weiß Ingrid Haase. Erst am 8. Januar 1965 wurde nach der Original-Gipsform ein Nachguss gefertigt und im Lichthof in der Masurenallee aufgestellt. Anfang der 1980er Jahre erhielten dort zeitgenössische Künstler Ausstellungsmöglichkeiten: die Chance für Volkmar Haase, seine Verehrung für Georg Kolbe auszudrücken. Er schuf vier Modelle, die die Formensprache der „Nacht“ aufnahmen. Weil die Bronzedame auf einer Fussspitze zu schweben scheint, wurde sie auch „Schwebende“ genannt. Auch bei Volkmar Haase gibt es Stücke, die auf einer Spitze in die Höhe streben oder dort schon zu schweben scheinen – trotz ihrer Materialfülle und Dimensionen. Eines der vier Modelle war Vorbild für die „Hommage á Kolbe“, die im Frühling 1983 im Rundfunkgebäudevis- à-vis der „Nacht“ gezeigt wurde. 28 Jahre später nimmt Haase ein zweites der besagtenvier Modelle auf. Allen körperlichen Leiden zum Trotz formt er es bis November 2011auf 4,20 Meter in Edelstahl. Es wird seine letzte Skulptur; er nennt sie „Skulptur ein Gestus – Demut“. Dann reichen seine Kräfte nur noch zum Malen. „Er malte Selbstporträts und ließ fünf von ihnen aufhängen“, zeigt Ingrid Haase sie in dem Galerieraum im Erdgeschoss.
Am 14. August 2012 stirbt Volkmar Haase. Auf diesen Punkt hat er hingearbeitet, sagt seine Frau. Davon zeugt seine Rückbesinnung während der letzten Jahre auf frühere Themen. Davon legt aber auch sein zielgerichtetes Arbeiten in den letzten Monaten und Wochen ein beredtes Zeugnis ab, weiß Ingrid Haase heute.

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