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Heute beginnt der „Unruhestand“

Auch Kreishandwerksmeister Siegfried Schön (links) kam gestern zur Verabschiedung von Klaus Drews. Dessen Stellvertreter im Berufsbildungsverein Prenzlau, Rüdiger Fink (rechts), übernimmt nun dort die Geschäftsführung. [KT_CREDIT] FOTO: Oliver Spitza
Auch Kreishandwerksmeister Siegfried Schön (links) kam gestern zur Verabschiedung von Klaus Drews. Dessen Stellvertreter im Berufsbildungsverein Prenzlau, Rüdiger Fink (rechts), übernimmt nun dort die Geschäftsführung. [KT_CREDIT] FOTO: Oliver Spitza

„Am 12. Februar 1965 kam mein Vater nach Hause und sagte zu mir: Ich habe einen Lehrvertrag für dich unterschrieben“, erinnert sich Klaus Drews an den Wintertag vor über 48 Jahren, der seinen ganzen weiteren Lebensweg bestimmen sollte.
Denn eigentlich wollte der älteste Sohn eines Seehausener Schuhmachers nach seiner Schulzeit in Warnitz Radio- und Fernsehmonteur werden. „Mein Vater fragte damals beim Rat des Kreises nach. Da wurde ihm gesagt: In Prenzlau wird ein großer Industriebetrieb gebaut, die brauchen Dreher.“ Und so lernte Klaus Drews ab 1. September 1965 in der Lehrausbildungsbaracke in der Brüssower Chaussee (später Wilhelm-Pieck-Straße, nun Brüssower Allee) zwei Jahre Dreher. „Dabei gab es in den ersten Monaten dort noch gar keine Drehmaschinen, wir haben monatelang gefeilt.“

Enormer Kostenfaktor für das AWP
1967 wurde am östlichen Stadtrand das Armaturenwerk gebaut, bereits am 7.März 1967 hatte Klaus Drews ein Arbeitsvertragsangebot in der Tasche, „vorbehaltlich des Bestehens der Prüfungen.“ Seinen Facharbeiter machte er mit „gut“, ins neue Werk kam er trotzdem nicht. Denn am 31. August 1967 erhielt er seinen Arbeitsvertrag als Lehrausbilder. Und bildete nun ein Jahr jüngere Lehrlinge aus, mit denen er in den Monaten zuvor noch gemeinsam die Schulbank gedrückt hatte. 48 Jahre blieb Klaus Drews seinem Lehrbetrieb treu, qualifizierte sich zum Meister, Lehrmeister, Ingenieurpädagogen. 1986 wurde der Lehrausbilder zum Lehrobermeister ernannt. Das AWP hatte über 1500 Mitarbeiter, in Hochzeiten wurden über 500 Lehrlinge in der AWP-Lehrwerkstatt zu Metallern ausgebildet. „Weil wir noch nicht so viele Maschinen hatten, bin ich mit den Lehrlingen sogar in die Kombinatsbetriebe nach Magdeburg und Leipzig gefahren und habe dort die Ausbildung gemacht.“ Als das AWP die ersten Bildungscomputer KC B 85 bekam, beschäftigte sich Klaus Drews auch damit intensiv, später erlernte er im VEB Werkzeugmaschinenkombinat „Fritz Heckert“ in Karl-Marx-Stadt den Umgang mit modernsten CNC-Maschinen.
Dann kam die Wende. „Uns war klar, dass Berufsausbildung ein enormer Kostenfaktor für das AWP war und zukünftig nicht mehr Bestandteil eines solch großen Betriebes sein wird.“ Zumal die Zukunft des AWP ohnehin ungewiss war.
Klaus Drews und seine Mitstreiter überlegten, wie man Berufsausbildung entsprechend bundesdeutscher Bedingungen auf neue Füße stellen kann, um Jugendliche in der Region zu halten und ihnen eine Perspektive zu geben. Kontakte wurden geknüpft, u.a. zur Siemens AG in Berlin.
Und so wurde am 22. Januar 1991 mit sieben Mitgliedern der Berufsbildungsverein gegründet: Neben Klaus Drews gehörten Ausbildungsleiter Lutz Raßmann, Angelika Hoppe, das Armaturenwerk, der Landkreis, die Stadt Prenzlau und die Kreishandwerkerschaft zu den „Gründungsvätern“. Schon am 8. April 1991 wurde der BBV im Vereinsregister eingetragen, am 1. Juni 1991 konnte er seine Geschäftstätigkeit mit 17 Mitarbeitern aufnehmen. Mit Klaus Drews als Vereinsvorsitzenden und zugleich Geschäftsführer. „Es war eine bewegte Zeit, wir haben 1,9 Millionen DM Fördermittel nach Prenzlau geholt. Und noch mal 99000 Euro vom Finanzministerium. Lutz Raßmann und ich sind mit dem Skoda nach Potsdam gefahren und haben dort so lange gewartet, bis wir den Scheck in der Hand hatten.“
Von Anfang an war klar, dass sich der Verein nicht nur auf die Metallbranche konzentrieren kann. Das Tätigkeitsfeld wurde beständig erweitert, nun auch Tischler, Gastronomen, Maurer, Bürokaufleute oder Schweißer aus- und weitergebildet.
Lehrerweiterbildung, Berufsfrühorientierung und -vorbereitung kamen hinzu. „Alles, was irgendwie Sinn machte, haben wir aufgenommen“, so Klaus Drews.
1992 erhielt der Verein zwei CNC-Maschinen, 1997 startete die Verbundausbildung. Firmen schickten ihre Lehrlinge nach Prenzlau, um den Umgang mit der computergestützten Technik zu erlernen. Heute ist es schon wieder umgekehrt: Die meisten Metallfirmen haben gar keine einfachen Drehmaschinen mehr und schicken ihre angehenden Dreher deshalb zum BBV. Circa 13700 Frauen und Männer haben seit 1991 eine Aus- und Weiterbildung beim BBV erhalten.
„Bundesweit brechen circa ein Drittel aller Lehrlinge ihre Ausbildung ab. Deshalb ist eine frühe Berufsorientierung notwendig. Diese sollte für alle Schüler der 8. Klassen als Pflichtfach eingeführt werden. Aber das wird wohl ein Traum bleiben“, sagt Klaus Drews. Der 65-Jährige geht nun in den Ruhestand, bleibt dem Verein aber weiter als Vorsitzender verbunden. Die Geschäftsführung übernimmt sein Vize Rüdiger Fink, zugleich Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Und der älteste Sohn von Klaus Drews, Daniel Drews (40), wird als Handwerksmeister und Betriebswirt beim BBV einsteigen und somit das „Lebenswerk“ seines Vaters fortsetzen. Aktuell besuchen 160 Teilnehmer die BBV-Angebote, 29 Ausbilder kümmern sich um den Fachkräftenachwuchs.

Langeweile nicht zu befürchten
Dass nun plötzlich Langeweile aufkommt, muss Klaus Drews nicht befürchten. Mit Ehefrau Marlies hat er Haus und Hof samt Gartenteich zu bewirtschaften, im letzten Jahr wurden die Drews binnen drei Wochen Großeltern von drei Enkelkindern. Dann sind da die Hobbys – Fotografie, Computer, Reisen. Außerdem ist Klaus Drews Mitglied im Uckermärkischen Regionalverbund und Akademischen Bildungsverein, er vertritt den BBV in der Unternehmervereinigung und im Bundesverband Mittelständische Wirtschaft. „Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen noch hier sein, zwar keine Entscheidungen mehr fällen, aber mich einbringen.“ Gestern überbrachten viele Gratulanten die besten Wünsche für den Ruhestand. Und jeder, der Klaus Drews kennt, weiß, dass es ein „Unruhestand“ werden wird.

 

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