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In der Not eine neue Freundin gefunden

Glück im Unglück hat Edelgard Nummer gehabt. Denn in einer Notlage traf sie auf Doris Mittelstädt, die ihr nicht nur half, sondern zur Freundin wurde… Vor zwei Wochen war Edelgard Nummer in Prenzlau im Regen stehen geblieben, genauer gesagt, in der Kälte, der Uckermark Kurier berichtete. Denn der Bus, mit dem sie eigentlich die Heimreise nach Blankenburg antreten wollte, war überfüllt.
Für die Rentnerin war kein Platz mehr vorhanden. Edelgard Nummer erinnert sich, wie der Busfahrer sie noch anfuhr: „Können Sie denn nicht gucken? Der Bus ist voll.“
Perplex und verärgert lief die 78-Jährige durch Prenzlau und stolperte schließlich in das Reisebüro „Sonnenklar“, um zu fragen, ob sie das dortige Telefon benutzen könne. Denn ein Handy besitzt sie nicht. Dort traf sie auf Doris Mittelstädt, die gerade für einen Plausch mit Anja Hein, der Inhaberin, vorbeigekommen war. Denn, wie sich inzwischen herausstellte, ist Doris Mittelstädt gar keine Mitarbeiterin des Reisebüros, sondern die Schwiegermutter der Inhaberin, Anja Hein. „Ich wollte nur mit meiner Schwiegertochter schnacken und dann stand plötzlich Edelgard Nummer im Raum. Ich dachte zuerst, sie wäre verwirrt“, erinnert sich Doris Mittelstädt. Die Rentnerin kann diese Annahme verstehen: „Ich wusste nicht, wie ich nach Hause kommen soll, war erschöpft. Und ich habe mich so respektlos behandelt gefühlt, dass mir tatsächlich die Worte fehlten.“
Zuvor sei ihr so etwas noch nie passiert und sie habe sich völlig überfahren gefühlt, räumt die Seniorin ein. Aber nach ein paar Minuten bei Doris Mittelstädt, Anja Hein und einer Tasse Rooibostee habe die Situation schon wieder anders ausgesehen.
Vor allem, da Doris Mittelstädt die Idee, Edelgard Nummers Tochter anzurufen, kurzerhand verwarf. Stattdessen schlug sie vor, die alte Dame nach Hause zu fahren. Warum die aus Potzlow stammende Doris Mittelstädt den Umweg über Blankenburg auf sich nahm? Sie zuckt mit den Schultern: „Das macht man doch so.“ Sie betrachtet den Vorfall vor allem aus sozialkritischer Sicht: „Ich habe schon öfter beobachtet, dass – im übertragenen Sinne – alte Menschen in unserer Gesellschaft nicht gesehen werden. Sie werden übersehen, abgestellt und weggeschoben. Das finde ich ganz schlimm.“ Die Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft mbH hat eine andere Sichtweise auf den Vorfall: Sie bedauert das Ganze und bezeichnet es als „untypisch“.
Grundsätzlich komme es nur sehr selten vor, dass zu viele Fahrgäste mit einem Bus fahren wollten. Trete diese Situation ein, greife folgender Notfallplan: Das Fahrpersonal sei angewiesen, Kontakt mit der Leitstelle aufzunehmen und der Einsatzleiter leite entsprechende Maßnahmen ein. Diese könnten zum Beispiel so aussehen, dass ein Bereitschaftsfahrer den Fahrgast an der Bushaltestelle abhole und ihn zu seinem Ziel fahre. Außerdem müsse der Fahrer, der den Fahrgast nicht mitnehmen könne, diesen darüber informieren, dass ihm schnellstmöglich geholfen werde. Die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft mbH will ihre Mitarbeiter nochmals mit Nachdruck auf diesen Notfallplan hinweisen.
Edelgard Nummer hat noch ein bisschen Angst, wenn sie daran denkt, dass sie Ende der Woche wieder den Bus benutzten wird. Aber ein Gutes hat die Sache ja gehabt, und darin sind sich die beiden Frauen einig: Wenn der Bus nicht vor Edelgard Nummers Nase weggefahren wäre, hätten sie sich nie kennengelernt. Und das wäre wirklich jammerschade gewesen… Oder?

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