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Nirgendwo fühlt er sich so wohl wie hier

Ronny Berndt ist Busfahrer mit Leib und Seele. Wenn er ein paar Tage nicht auf Tour sein kann, wird der 39-Jährige schon unruhig. Ihn zieht es in die weite Welt. Zur Fahrt nach London brach er übrigens mit diesem niegelnagelneuen Bus auf.
Ronny Berndt ist Busfahrer mit Leib und Seele. Wenn er ein paar Tage nicht auf Tour sein kann, wird der 39-Jährige schon unruhig. Ihn zieht es in die weite Welt. Zur Fahrt nach London brach er übrigens mit diesem niegelnagelneuen Bus auf.

„Oh mein Gott, ist das eng.“ Die 50 Fahrgäste halten unwillkürlich die Luft an, als Ronny Berndt zum zweiten Mal Anlauf nimmt. Keine Frage, die neue Tiefgarage am Londoner Tower hat es in sich. Obwohl der Bauherr ein britisches Busunternehmen gewesen sein soll, erweist sich das mehrebenige Gebäude als äußerst tückisch, vor allem was den Wenderadius anbelangt.
Gefühlte zwei Milimeter Spielraum hat der Busfahrer aus der Uckermark, als er das nigelnagelneue Gefährt des Gramzower Unternehmens „Der Uckermärker“ in aller Seelenruhe in die ihm zugewiesene Parklücke – und hierbei macht das Wort seiner Bedeutung wirklich alle Ehre – manövriert. Beim Aussteigen wird dann zwar offenbar, dass doch ein bisschen mehr Platz gewesen ist, sonst könnte sich ja keiner der Fahrgäste vor die Tür begeben, aber ein anspruchsvoller Job ist das eben auf jeden Fall gewesen. Deshalb brandet auch lauter Beifall auf, als Ronny Berndt das Manöver für beendet erklärt, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der zweite Busfahrer draußen eine Supereinweisung per Hand hingelegt hat und dass dieser im umgedrehten Fall die brenzlige Lage mindestens genau so gut gemeistert hätte. Ohne Zweifel, die beiden Männer aus der Uckermark verstehen ihr Handwerk. Und das müssen sie auch, denn Straßen, Städte und somit auch Tiefgaragen in ganz Europa warten darauf, von ihnen befahren zu werden. Verglichen mit dem (Wahnsinns-)Verkehr in Irland oder Italien seien die britischen Verhältnisse aber doch fast schon als paradisisch deutsch zu betiteln, beeilt sich Ronny Berndt zu versichern. Selbst der von vielen gefürchtete Linksverkehr auf der Insel schockt den 39-Jährigen nicht. Obgleich es bei der Rückkehr aufs Festland immer eine Umstellung sei, weil man sich ans Fahren auf der „falschen“ Seite schnell gewöhnen könne, ergänzt Berndt. „Irgendwie kommt das dem Körper nämlich sehr entgegen“, setzt Kollege Thomas Berndt hinzu. Wenn der Bus retour mit der Fähre von Dover nach Calais (Frankreich) umgesetzt werde, ermahne er sich deshalb schon vorher, unbedingt aufs Rechtsfahrgebot zu achten. „Sonst würde man schnell zum Falschfahrer“, sagt Ronny Berndt lachend. Ein entsprechendes Vorkommnis habe es aber noch nicht gegeben, versichert der Dedelower und grinst verschmitzt – spätestens jetzt sieht man auch einen Schimmer Abenteuerlust in seinen Augen glimmen. Typisch Mann liebt er vermutlich auch den Nervenkitzel an seinem Job. Sich bewähren in Ausnahmesituationen, das hat seinen Reiz und macht gewiss oft die Strapazen wett, die das ständig Aufachsesein so mit sich bringt. Doch er, der mehr auf Reisen ist als daheim, versichert, dass man damit gut leben kann. Vielleicht liegt es ja daran, dass ihm das Busfahren in die Wiege gelegt worden zu sein scheint. Wenn sich der Hüne hinters Lenkrad setzt, beginnt seine Wohlfühlzeit – so jedenfalls beschreibt der Familienvater seine Arbeit, den Chef wird‘s freuen. Überwindung habe ihn zunächst allerdings der Umgang mit dem Mikrofon gekostet. Bis heute habe er ein wenig Scheu, dort hineinzusprechen, gibt er unumwunden zu. Doch das sei im modernen Reisegeschäft, wo häufig ein Fahrer allein alles zu managen habe, unumgänglich, ebenso wie die Bedienung der Rast-Theke, die mit heißem Kaffee und Würstchen für eine preiswerte „Notversorgung“ bei Auslandsaufenthalten sorgt. Die Passagiere, so viel sei versichert, merken von dieser „Bühnenangst“ nichts. Die meisten sind sofort per „Du“ mit der Busbesatzung, sehen die Männer nicht nur als Chauffeure, sondern als wirkliche Reisebegleiter an. Und wer des Öfteren mit ein und demselben Unternehmen unterwegs ist, freut sich meist riesig, gleich bekannte Gesichter zu sehen.

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