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Und kein Pfennig fehlt

Ihre Mutti Christel Hein (Mitte) umsorgen Jutta Hartlich (links) und Petra Borngräber seit Jahren selbst. Vor Jahren sind alle drei in der Uckermark heimisch geworden. [KT_CREDIT] FOTO: Monika Strehlow
Ihre Mutti Christel Hein (Mitte) umsorgen Jutta Hartlich (links) und Petra Borngräber seit Jahren selbst. Vor Jahren sind alle drei in der Uckermark heimisch geworden. [KT_CREDIT] FOTO: Monika Strehlow

Raubüberfälle auf Bankhäuser kommen leider auch in der Uckermark vor. Anfang der 1990er Jahre wurde dabei in Greiffenberg ein Wachmann getötet. Und der jüngste Überfall ereignete sich erst vor wenigen Wochen in der Prenzlauer Filiale der Volksbank Uckermark-Randow am Raiffeisenplatz.

Christel Hein kennt noch andere, friedlichere Zeiten. Ein Erlebnis der heute 91-Jährigen scheint schier unglaublich. Die geborene Berlinerin, die seit einigen Jahren in der Uckermark lebt, arbeitete über 20 Jahre bei der Post in Müggelheim, einem der Randbezirke von Berlin. Auf der Post zahlte sie unter anderem die Renten aus. Das Geld musste sie dabei selbst aus dem Hauptpostamt Köpenick herbeischaffen.
Als ihre geliebte Post 1998 geschlossen wurde, hatte sie ihre Gefühle und auch dieses unglaubliche Erlebnis aufgeschrieben, bei dem das Postauto eine Panne hatte.

„Auf dem Hauptpostamt Köpenick wurden 150 000 Mark gezählt und dann in Kisten verpackt, von denen manche behaupteten, sie stammen aus der Zeit des Alten Fritz. Dann ging es im klapprigen Postauto Richtung Müggelheim. Bei einer Notbremsung in der Grünstraße flogen eines Tages die Türen auf und ein Geldsegen ergoss sich aufs Pflaster. Passanten halfen, alles einzusammeln: Es fehlte kein Pfennig!“, schrieb Christel Hein. Ein anderes Mal sei ein Reh ins Auto gelaufen. Handys gab es noch nicht. „Da haben wir einen Trabbi angehalten, der mich und meine Geldkisten mitnahm und brav vor der Müggelheimer Post absetzte. Meine Rentner standen schon Schlange und freuten sich, als das ,große Zahlen‘ begann.“ Zehn Jahre lang hatte die „Christel von der Post“ an zwei Tagen im Monat Renten ausgezahlt. Dann kamen an die 300 Menschen, um ihre Rente persönlich abzuholen. Das sei damals für die Älteren nicht einfach gewesen, vor allem im Winter, erinnerte sich Christel Hein.

Sie bedauert nicht, dass mit den neuen Zeiten und dem bargeldlosen Verkehr vieles einfacher wurde. „Nur schade, dass so viel Herz, Spaß und gute Laune auf der Strecke geblieben sind.“ Heute lebt Christel Hein in Beenz (Nordwestuckermark) bei ihrer Tochter Jutta Hartlich, die seit fast drei Jahrzehnten in der Uckermark ist. Mit ihrer Schwester Petra Borngräber umsorgt sie liebevoll die Mutter, die 2004 einen Schlaganfall erlitt. Beide Töchter sind nun selbst im Ruhestand und widmen vielZeitihrer Mutter, deren Herz zudem von den vier Enkeln und drei Urenkeln erwärmt wird. Auf Rundumpflege angewiesen, kann sie sich voll auf ihre Mädchen verlassen.
Die sprechen über enttäuschende Erlebnisse in Pflegeheimen, von denen sie sich konsequenterweise trennten. „Wir haben so mitgelitten, wenn wir Mutti besuchten. Damals gingen wir beide ja noch arbeiten“, erklärt Jutta Hartlich. Die Mutter weiter in fremden Händen zu lassen, sei mit ihrer beider Gewissen nicht vereinbar gewesen. So rückten die Frauen im Alter wieder zusammen. Und manchmal erzählen sie sich die alten Geschichten, von denen sich manche heute unglaublich anhört.
 

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