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Vier Tage leben wie die „Zigeuner“

Mit dem Planwagen durch die Uckermark – Moritz Pietzcker mit seinem Sohn Ivo und Jacques Rufet mit seiner Tochter Pauline erlebten dieses Abenteuer, nur knapp hundert Kilometer nördlich von ihrem Zuhause in Berlin.  FOTO: Heiko Schulze
Mit dem Planwagen durch die Uckermark – Moritz Pietzcker mit seinem Sohn Ivo und Jacques Rufet mit seiner Tochter Pauline erlebten dieses Abenteuer, nur knapp hundert Kilometer nördlich von ihrem Zuhause in Berlin. FOTO: Heiko Schulze

Die Augen von Ivo (10) und Pauline (12) strahlen, als sie hoch oben auf dem Kutschbock des Planwagens sitzen und ihre Blicke über die Weiten der Uckermark schweifen lassen: Wälder, Seen, Hügel wechseln sich ab, kleinere Ortschaften – ganz anders als der Blick aus den Fenstern des Berliner Reihenhauses beziehungsweise der Altbauwohnung, wo sie sonst zu Hause sind.
Moritz Pietzcker, der mit seinem Sohn jedes Jahr eine „Natur-Tour“ unternimmt, ob zu Fuß, mit dem Rad oder dem Paddelboot, hatte die Idee, für vier tolle Tage und drei Nächte in der Uckermark ein „Zigeunerleben“ zu wagen. Der promovierte Jurist begeisterte davon seinen Freund, den Patentphysiker Jacques Rufet, der zugleich Patenonkel seines Sohnes ist. Dieser brachte seine Tochter Pauline mit zum Abenteuer-Kurzurlaub in die Uckermark, sodass sie zur viert den Tross in Friedenfelde bei Gerswalde bestiegen.

Mit der sanftmütigen Rosi auf der Strecke

Nur eine Autostunde vom Gewusel der Metropole Berlin entfernt, genauso weit von den lieb gewonnenen Bequemlichkeiten und alltäglichen Gewohnheiten, zuckelte und ruckelte das Quartett über Wege und wenig befahrene Straßen zwischen Kröchlendorff, Zollchow, Biesenbrow und Angermünde. Ihre treue und sanftmütige Begleiterin auf der Strecke: die 800 Kilo schwere Kaltblüterstute Rosi. Ausdauernd zog sie den Wagen, in dessen Innenraum zwei Kinderbetten, ein Doppelstockbett für Erwachsene und ein Tisch zum spärlichen Mobiliar gehören.

Essen wird auf dem Gaskocher erwärmt. Ein größerer Tank spendet Trinkwasser. Frisch gehalten wird die Verpflegung in einer Kühltasche mit Akkus. Nichts von dem gewohnten Komfort wie Kühlschrank, Mikrowelle, Fernseher, Couch… Statt eines modern eingerichteten Bades mit WC kommt bei Bedarf der Klappspaten zum Einsatz.
Die Touren plant der Veranstalter Celine Native Caravan so, dass alle zwei Tage ein Quartier mit WC und Duschmöglichkeit angefahren werden kann, auf Wunsch auch mit einer Übernachtungsmöglichkeit in „festen Betten“. Dort können Handys aufgeladen und Akkus gekühlt werden.

Für die Tage und Nächte zwischendurch hat Celine Caravan Wiesenflächen gepachtet, auf denen die Reisenden im Planwagen und das Pferd nächtigen können. Fast immer befindet sich ein See in der Nähe. Ein entspannter Urlaub, um neue Ansichten aufzunehmen und auch neue Sichten auf sich und das Leben zu gewinnen. Gedanken nachzuhängen und Gespräche zu führen, wie es die dichte Schlagzahl einer Großstadt nur selten zulässt.

Als größte Herausforderung erwies sich für das Berliner Quartett das Einspannen von Rosi nach einer Rast. „Es ist entscheidend von Vorteil, wenn wenigstens einer der Reisenden sich mit Pferden auskennt“, schätzt Jacques Rufet ein. Denn der Fehltritt eines noch so gutmütigen Kaltblutpferdes kann gefährliche Folgen haben. Moritz Pietzcker lobt die 24-Stunden-Rufbereitschaft des Veranstalters: „Bei Problemen sind Mitarbeiter innerhalb von 20, 30 Minuten zur Stelle, auch wenn es nur ist, um Milch oder andere Lebensmittel nachzuliefern. Ein toller, freundlicher Service.“

Katrin van Zoll, Chefin von Celine Native Caravan, freut sich über ein solches Lob. Es ist bereits die neunte Saison, in der die ehemalige Berlinerin diese speziellen Touren im Zigeunerwagen oder mit lasttragenden Eseln als Reisebegleiter anbietet. Urlauber, die dieses nutzen, tun das aus verschiedensten Gründen. Manche sind ausgesprochene Natur- oder Tierliebhaber, andere wollen der Großstadt entfliehen, suchen in der Natürlichkeit und Weitläufigkeit der Uckermark Ruhe oder auch Antworten auf Fragen, die im hektischen Alltagsstress nur schwer zu finden sind. Ein „Kontrastprogramm“ zum „Moloch“ Berlin. Dann gibt es Touristen, die seit Jahren Europa vom Zigeunerwagen aus erkunden. Mittlerweile starten die sieben im uckermärkischen Friedenfelde stationierten Planwagen zu circa 150 Touren im Jahr. Ein insgesamt 170 Kilometer langes Streckennetz kann mit dem Wagen befahren oder mit dem Esel abgelaufen werden. Ob Sieben-Seen-Tour, Wallpfadstour oder naturkundliche Pfade. Das Tagespensum liegt zwischen zehn und 18 Kilometern. Wer mit dem Esel unterwegs ist, kehrt am Abend in festen Quartieren ein. Dort nehmen sie zusammen mit den privaten Gastgebern das Abendbrot ein, lernen so nicht nur Land, sondern auch Leute besser kennen.

Südfranzose schwärmt von einmaliger Landschaft

Moritz Pietzcker, dessen Familie ein Ferienhaus in der Uckermark bewirtschaftet, und Jacques Rufet sind bereits seit Jahren mit der Uckermark vertraut. Jacques Rufet, in Südfrankreich geboren und passionierter Angler, schwärmt von der Einmaligkeit der uckermärkischen Landschaft, der „Toskana des Nordens“. Den letzten Tag ihrer Reise verbrachten die zwei Väter mit ihren Kindern am Pinnower See, wo sie Boot fahren konnten und Jacques sogar einen Hecht aus dem Wasser zog. Beide Männer können sich ein weiteres „Abenteuers Uckermark“ vorstellen. Während der Justiziar sich noch einmal auf das Abenteuer Planwagen einlassen würde, liebäugelt der Chemiker für die nächste Erkundungstour mit einem Packesel an der Leine und bequemeren Nachtlagern, „allein schon für den Rücken“.
 

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