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Vom Gefühl, etwas wert zu sein

Der Pavillon „Einkehr“ wächst am Tor zum Uckersee. Tilo Bienert (25) gehört zu den Jugendlichen, die – oft ohne Ausbildung – Unterstützung durch Eckhard Kroll (71) erfahren. Er steht dem Verein Aktivitäten gegen soziale Ausgrenzung (AgsA) vor.  FOTOS: Heiko Schulze
Der Pavillon „Einkehr“ wächst am Tor zum Uckersee. Tilo Bienert (25) gehört zu den Jugendlichen, die – oft ohne Ausbildung – Unterstützung durch Eckhard Kroll (71) erfahren. Er steht dem Verein Aktivitäten gegen soziale Ausgrenzung (AgsA) vor. FOTOS: Heiko Schulze

Auf jenen unzähligen bequemen Bänken an Rastplätzen, Radwegen oder Naherholungsgebieten wie der Kleinen Heide selbst auszuruhen, die dank seines Engagements in den letzten Jahren entstanden sind, das ist Eckhard Krolls Sache nicht. Der 71-Jährige Prenzlauer ist ein Unruhegeist. So vieles lässt den Chef des Vereins Aktivitäten gegen soziale Ausgrenzung e.V. (AgsA) nicht zur Ruhe kommen. Vorrangig ist es die Sorge um jene Jugendliche, junge Frauen und Männer, die inzwischen 20, 25 geworden sind, ohne jemals eine richtige Lehre absolviert zu haben. Oder sie haben noch nie die Erfahrung machen können, wie es ist, am Monatsende genügend Lohn nach Hause zu tragen, um davon sich und die Familie zu ernähren.
Eckhard Kroll urteilt nicht über die Umstände, die zu der verfahrenen Situation des jeweiligen Schützlings führt. Er steht ihnen unvoreingenommen gegenüber, ist oft der Erste, der sie ernst nimmt, der ihnen aber auch Leistung, Zuverlässigkeit abverlangt. Mit seinem ehrenamtlichen Wirken strickt er das soziale Netz an jenen Stellen feinmaschiger, wo viel zu selten die Stricknadel der Gesellschaft zum Einsatz kommt. Der weißhaarige Prenzlauer nimmt sie ernst, stempelt sie nicht ab, gibt ihnen eine Chance und vermittelt ihnen das Gefühl von Würde. Es geht nicht um Nummern, es geht um Schicksale wie jenes von Tilo Bienert. Der 25-jährige gehört zu jenen jungen Menschen, die innerhalb der Maßnahme „Lebensschule“ gerade einen Pavillon im alten Bauerngarten am Tor zum Unteruckersee errichten.
Tilo Bienert hatte sich eine Ausbildung in der Landwirtschaft in den Kopf gesetzt. Eine Allergie ließ diesen Traum zerplatzen. Seitdem ist es für ihn schwierig, Orientierung auf einem neuen beruflichen Weg zu finden. Doch hier, beim Sägen, Hämmern und Streichen am Pa-
villon, können er und die anderen Teilnehmer des Projektes zeigen, was in ihnen steckt. Allzu oft gab es diese Gelegenheit für Tilo Bienert noch nicht. Doch selbst als eine Fördermaßnahme beendet war, hielt er dem AgsA ehrenamtlich die Treue.
Eckhard Kroll kennt aber auch andere Beispiele. Jugendliche, die zum Beginn der Maßnahme gar nicht erst antreten oder sich nach zwei, drei Tagen nicht oder nur noch sporadisch blicken lassen. Wenn die Gesellschaft heute vor diesem Problem weiter die Augen verschließt, wird es ihr morgen um so härter auf die Füße fallen, ist sich Eckhard Kroll sicher.
Für den Erhalt des alten Bauerngartens zwischen der B109 und der Uckerpromenade mit seinem zum Teil über 100 Jahre alten Baumbestand haben Prenzlauer gestritten. Eigentlich sollte diese Fläche neben der ehemaligen Brauerei im Ergebnis eines Wettbewerbes eine andere Gestaltung erfahren. Doch wie schön dieses Fleckchen Prenzlaus ist, das haben erst junge Frauen und Männer unter Regie von Eckhard Kroll wieder sichtbar gemacht. Viele haben schon vergessen, was für eine baufällige Mauer dort zuvor gestanden hat, wie verwildert das Areal gewesen ist. Heute erinnern nicht nur die im 18. Jahrhundert gepflanzten Obstbäume an die Historie des Ortes.
Den Pavillon für Rastsuchende am Radfernweg Berlin-Usedom, an dem die „Lebensschule“-Teilnehmer derzeit zimmern, hat es bereits in ähnlicher Form am fast gleichen Ort schon einmal gegeben. Stolz zeigt Eckhard Kroll auf die Kopie einer Zeichnung aus dem Bauantrag, den der Majoratsherr von Arnim-Suckow 1912 stellte. Wenn am 21. Juni der neue Pavillon „Einkehr“ übergeben wird, können sich die Besucher über die Geschichte in einem hölzernen Schaukasten informieren.
Um die Pflege des Bauerngartens bemühen sich übrigens rund ein Dutzend Prenzlauer Familien, zu denen natürlich auch Familie Kroll gehört – unentgeltlich.
 

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