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Von Liebe und Wut

VonLisa Martin

Der 65-jährige Münchner Liedermacher Konstantin Wecker begeistert das uckermärkische Publikum in Schwedt. Auch wenn er die Welt nicht ändern kann.

Schwedt.Und endlich ist sie wieder wichtig – die Moral. Und endlich ist da wieder einer, der aufruft, sich zu empören, zu beschweren, nicht still zu halten, sondern aufzustehen; nicht wegzuschauen, sondern sich laut zu artikulieren. – Endlich wieder Konstantin Wecker in der Uckermark! Der große Saal der Uckermärkischen Bühnen war längst nicht bis auf den letzten Platz gefüllt. Doch die, die da waren, waren ganz bei Wecker; waren ganz bei dem, wofür er seit rund vier Jahrzehnten steht und singt.
Sein Programm „Wut und Zärtlichkeit“ ist, was auch Wecker ausmacht: diese Auflehnung, dieses Nicht-Wegschauen-Können, dieser ausgeprägte Gerechtigkeitssinn, diese Beharrlichkeit und Gnadenlosigkeit, wenn Unrecht offensichtlich ist; dieses schonungslose Sezieren der Gesellschaft, der politischen Missverhältnisse und -stände und dieses Wachrütteln, dem man sich kaum zu entziehen vermag. Und da ist diese schiere Unermesslichkeit an Gefühl; dieses Eintauchen und Versinken im Empfinden – eben diese Zärtlichkeit. Beides macht Wecker aus seit und wie man ihn kennt. Eben das auch war es, was das Publikum in Schwedt erwartete und bekam.
Was Wecker macht, ist, dass man wieder neu nachdenkt; dass da etwas aufgerüttelt wird, was sich zuvor so anzupassen schien. Allein schon sein so kraftvolles „Sage nein!“, mit dem seine Haltung, dieses Aufrechte und die Aufrichtigkeit Worte bekommen, reicht, um wach zu werden.
Aber da ist auch der Wecker, der „seinen“ Brecht mitgebracht hat und ein Loblied singt auf die „Zartheit und das Feuer Brecht‘scher Poesie bei aller unverblümten Geilheit“. Brecht, Kästner, Rilke – Wecker rückt sie ins Bewusstsein, regt an, bei ihnen nachzulesen, sie (wieder) zu entdecken. Das alles zwischen den eigenen Liedern, die deutlich machen, dass Wecker noch immer Wecker ist und dass er sich, auch wenn man ihn nicht mehr wie einst in den 1970ern noch im Radio spielt, nicht verbogen hat; dass er sich nicht anpassen muss, gleichwohl auch neue Töne zu hören sind.
Wunderbar ist das Zusammenspiel mit seiner Band. Da ist der legendäre Jo Barnikel, dieses musikalische Multitalent, mit dem er seit zwei Jahrzehnten auf der Bühne steht und im Studio arbeitet und von dem Wecker sagt: „Er ist der Beste!“. Da ist Jens Fischer (Schlagzeug, Percussion und Gitarre), den Wecker vor 15 Jahren für sich entdeckte, mit dem er Kinder-Musicals machte, der musikalischer Leiter der Blue Man Group war und der mit Temperament, mit Leidenschaft und großem Können auch gewissermaßen den Bogen zwischen den in die Jahre gekommenen Alt-Weckerianern und denen, die den bayrischen Barden mit dem fantastischen rollenden „r“ heute entdecken, schlägt. Und da ist Nils Tuxen, der Gitarrist, den Wecker lange von Weitem bewunderte, bevor er mit ihm zusammenarbeitete. Der Abend steckt voller erwarteter wie überraschender Momente. In manchen von ihnen nickt man nur noch und denkt: Warum hören die nicht auf einen wie Wecker? Wovor er vor mehr als zwanzig, vor dreißig Jahren warnte, ist heute Realität.
Vor 40 Jahren sei er angetreten, mit seinen Liedern die Welt zu verändern. „Wenn ich mir die Welt jetzt anschaue… Ich war’s nicht!“, sagt er und der Satz klingt bitter nach. Doch aufgegeben hat er seinen Traum nicht; noch immer steht er für jene Utopie der gewalt und herrschaftsfreien Gesellschaft.
Und dann ist da diese Musikalität des Abends; diese so spürbare Freude am Spiel mit den unterschiedlichsten Instrumenten; diese Vielfalt, dieses Feuer und diese Leidenschaft in der Zartheit wie in der Wut.
Bis zur letzten Minute, bis zum letzten Akkord – über drei Zugaben hinweg, die das Publikum stehend Beifall klatschend erwarten darf und bekommt – ist wohl, wer Wecker mag und diesen Abend herbei sehnte, begeistert und gefangen genommen. Danach ist Zeit, um durchzuatmen. Und vielleicht das eine oder andere Wort doch nicht gar so schnell wieder zu vergessen.

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red-prenzlau@uckermarkkurier.de

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