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Widerstand gegen Neubau stößt auf Unverständnis

Seit etwa hundert Jahren steht die Allee nach Christianenhof. Im Naturpark Uckermärkische Seen gelegen, wurde sie 2013 auf Initiative von Einwohnern unter Denkmalschutz gestellt. [KT_CREDIT] FOTOs: M. Strehlow
Seit etwa hundert Jahren steht die Allee nach Christianenhof. Im Naturpark Uckermärkische Seen gelegen, wurde sie 2013 auf Initiative von Einwohnern unter Denkmalschutz gestellt. [KT_CREDIT] FOTOs: M. Strehlow

Vier Wochen später als ursprünglich vorgesehen, begann die Bauunternehmen Ruff GmbH aus Löcknitz jetzt in Christianenhof mit der Erneuerung des Wittstocker Weges und seiner Verlängerung bis zur L25. In Wochenfrist haben sich die Mitarbeiter mit Bagger und Handarbeit rund 150Meter vorgearbeitet. Fast weiße Betonschächte zeugen davon, dass nun auch eine Regenentwässerung im Untergrund liegt.
„Wir kommen gut voran“, bestätigt Bauleiter Matthias Braun und erläutert: „Hier wurde der gesamte Straßenkörper ausgekoffert. Schritt für Schritt arbeiten wir uns zur Kreuzung in der Dorfmitte hin.“ Braun ist zufrieden. Denn es sind eigentlich vorbereitende Arbeiten, die aber über den Erfolg der mit Kopfsteinpflaster neu auszulegenden Fahrbahn entscheiden. Er rechnet damit, dass die Kreuzung in etwa zwei Wochen erreicht sein wird. Dann soll es am anderen Ende, außerorts, weitergehen.
Dem zeitlichen Verzug gewinnt der Planer des von der Gemeinde Nordwestuckermark auf den Weg gebrachten Straßenbauprojektes, Jürgen Pauls, sogar noch Vorteile ab. „Ursprünglich war der Beginn im März vorgesehen. Doch da lag noch Schnee. Und auch im April hätten wir aufgrund des schwammigen Untergrunds mit Schwarzerde und Lehmgemenge Schwierigkeiten bekommen, des Wassers Herr zu werden.“

Und noch einen Grund gibt es für den späteren Baubeginn: der Widerstand der Bürgerinitiative „Rettet die Ahornallee Christianenhof“. Die Initiatoren Falko Steinberg und Sten Artz listeten in einem Zwölf-Punkte-Aufruf Einwände auf, die nach ihrer Meinung dem Straßenbau entgegenstehen, der Uckermark Kurier berichtete. So heißt es in einem Punkt: „Mit der Erneuerung der Straße und vor allem mit der Neuanlage einer Busschleife im Ort würde eine denkmalgeschützte Allee innerhalb und außerhalb des Ortes für immer zerstört werden.“ Die Gegner gehen davon aus, dass das Verkehrsaufkommen, vor allem der Schwerlastverkehr, erheblich steigen werde. Damit einhergehend würden die Lebensqualität der Bürger beeinträchtigt und Wohngebäude geschädigt. Nachdem sich die Bürgerinitiative um Unterstützung an den Naturschutzbund Deutschland gewandt hatte, legte selbiger Widerspruch gegen die landschaftsschutzrechtliche Genehmigung der unteren Naturschutzbehörde ein.
Die im Landkreis Uckermark angesiedelte Behörde hatte mit Schreiben vom 17. September 2012 informiert, dass innerhalb von Christianenhof aus naturschutzrechtlicher Sicht keine Einwände gegen die Straßenerneuerung bestehen. Für den Bereich außerorts, vom Ortsausgangsschild bis zur L 25, folgten am 26. März 2013 die Genehmigungen, die mit Auflagen verbunden sind. So müssen die Bäume vor Beschädigungen besonders geschützt oder Arbeiten in deren direkter Nachbarschaft per Hand ausgeführt werden. Zudem werden Ausgleichmaßnahmen gefordert für die rund 300 Meter der Kopfsteinpflaster-Allee, die im Umfeld des anliegenden Schweinezuchtbetriebes mit Asphalt ausgebaut werden sollen.

Für Bauherrn kein Grund mehr, länger zu warten

Das Widerspruchsverfahren NABU – Naturschutzbehörde ist noch nicht abgeschlossen. Doch alle notwendigen Baugenehmigungen liegen vor. Für die Regenentwässerung wird derzeit eine Versickerungsvariante geprüft. „Es gab für die Gemeinde als Bauherr also keinen Grund mehr, mit dem Beginn noch länger zu warten“, erklärt Bürgermeisterin Sylvia Klingbeil. Denn die Mehrheit der Einwohner wartet auf eine vernünftig zu befahrene Straße. Die Gemeindevertretung, die am 22. Februar 2012 das Projekt beschloss, hatte sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. Seit mindestens zwei Jahren wurde über das Wie der Erneuerung diskutiert. Denn dass etwas geschehen muss, darüber waren sich alle einig.

Im Februar 2012 legten Fachleute vom Natursteinpflaster e.V. den Beteiligten ans Herz, sich nicht auf Reparaturen einzulassen, sondern die Fahrbahn von Grund auf zu sanieren. Dann wurden in Versammlungen Alternativen vorgestellt: Ausbau mit Asphalt, Neupflasterung mit dem vorhandenen oder neuem Pflaster.

Für neues Kopfsteinpflaster hätten die Gemeinde und die Anlieger tief in die Tasche greifen müssen. Das koste rund 80 bis 90 Euro je Quadratmeter, nicht gerechnet den Unterbau, erklärt Planer Jürgen Pauls. Mit der nun beschlossenen Variante, die alten Steine wiederzuverwenden und Fehlstellen mit Pflastersteinen vom Bauhof der Gemeinde zu füllen, schlagen 30 Euro je Quadratmeter zu Buche. Am günstigsten jedoch wäre eine komplette Asphaltdecke gekommen, die etwa die Hälfte der jetzigen rund 600 000 Euro Gesamtaufwendungen gekostet hätte. Das aber, die historische Chaussee verlieren, das wollten die Wenigsten. So wurde das Gesamtprojekt in der Lokalen Arbeitsgruppe Uckermark vorgestellt und von diesem Gremium zur Förderung aus dem europäischen Leader/ILE-Fördertopf befürwortet.

Ortsvorsteher Bernd Sohn kann nach dieser Vorgeschichte den Widerstand einiger Anwohner nicht verstehen. „Solange sie nicht wussten, wie hoch die Anliegerbeiträge sind, waren alle dafür“, erinnert er sich. Seit 23 Jahren stehe er an der Spitze des heutigen Ortsteiles Ferdinandshorst; aber so etwas habe er noch nicht erlebt. Die Schweineproduktion existiere schon seit über 30 Jahren an dieser Stelle, die Transporte durch „seine“ Orte seien nichts Neues, kommentiert er Vorwürfe zum Ausbau der Straße in der Dorfmitte. Die gemeinsam gefundene Variante des Straßenbaus sieht er als tragfähigen Kompromiss für alle. Je mehr die Arbeiten nun gestört werden, umso höher werden die Kosten, bestätigt der Planer Jürgen Pauls Befürchtungen. „Wir hoffen, dass wir nahtlos auch außerhalb Christianenhofs weiterbauen können, wenn die Straße im Ort selbst saniert ist.“

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