Nordkurier.de

Wo vor 70 Jahren alles begann

Ilse und Fritz Hutterer aus Österreich sind drei Wochen zu Gast in Prenzlau und besuchen natürlich auch die LAGA. Vor 70 Jahren, im Sommer 1943, hatten sich die junge Prenzlauerin und der Luftwaffensoldat im Kurgarten kennengelernt. [KT_CREDIT] FOTO: Oliver Spitza
Ilse und Fritz Hutterer aus Österreich sind drei Wochen zu Gast in Prenzlau und besuchen natürlich auch die LAGA. Vor 70 Jahren, im Sommer 1943, hatten sich die junge Prenzlauerin und der Luftwaffensoldat im Kurgarten kennengelernt. [KT_CREDIT] FOTO: Oliver Spitza

„Wer Prenzlau und die Geschichte der Stadt kennt, weiß, was für eine Wohltat die Landesgartenschau ist“, schwärmt Ilse Hutterer von der „Grünen Wonne“. Aus dem fernen Österreich ist die 88-Jährige mit ihrem Mann angereist. Aber nicht nur, um die Blumenpracht, sondern auch die Veränderungen in der alten Heimat zu bestaunen. Denn die Wahl-Österreicherin ist 1925 als Ilse Steinfurth in Prenzlau geboren worden. Sie wuchs in der Kietzstraße auf, ihr Vater Wilhelm war Heizer und Maschinist in der Wienholz’schen Margarinefabrik. Mutter Elise kümmerte sich als Hausfrau um Haushalt und die beiden Töchter.
„Schon im ersten Kriegsjahr mussten wir von der Winterfeldt-Schule in die Klosterstraße wechseln, denn unsere Schule wurde als Lazarett gebraucht“, erinnert sich Ilse Hutterer. Und auf den riesigen Kartoffeläckern des Generalfeldmarschalls August von Mackensen (1849-1945) haben die Schüler damals gearbeitet. „Einmal kam er in voller Paradeuniform hoch zu Ross angeritten und hat sich bei uns bedankt“, erzählt sie lachend vom skurrilen Auftritt des greisen Militärs, der 1936 die Domäne Brüssow von Hitler als Dotation erhalten hatte.
Nach der Schule lernte und arbeitete Ilse bis April 1945 im Büro des Lebensmittelgeschäftes Gotthold Knabe in der Friedrichstraße. Bei einer KdF-Veranstaltung im Kurgarten am 5. August 1943 lernte sie den aus Österreich stammenden Luftwaffentechniker Fritz Hutterer kennen. Fast 70 Jahre später stehen beide wieder in dem Saal, in dem ihre turbulente Liebesgeschichte begann. Im Frühjahr 1945 wurden sie getrennt. „Benzin für Flugzeuge gab es nicht mehr. Wir wurden in Holland zu Panzergrenadieren ausgebildet und nahmen im März 1945 an den mörderischen Kämpfen um den Brückenkopf Stettin teil“, erzählt Fritz Hutterer. Dann lagerte sein arg dezimiertes Bataillon zur Auffrischung in Blindow. „Ich hatte nicht geglaubt, dass er jemals über die Oder zurückkommt – und dann war er doch acht Tage hier“, ergänzt Ilse Hutterer. Doch am Karfreitag 1945 wurde die Einheit erneut verladen, es ging direkt an den Südflügel der großen Schlacht um Berlin nach Cottbus und Spremberg. Fritz Hutterer gehörte zwar zu den letzten deutschen Soldaten, die dem schrecklichen Kessel dort entkommen konnten, doch um welchen Preis: Der 21-Jährige war schwer verletzt, Granatsplitter steckten (und stecken noch heute) in Kopf und Rücken. „Ohne Stahlhelm hätte es mir glatt den Kopf abgerissen.“ Er kam ins Luftwaffenlazarett nach Hubertusburg, dort war für ihn der Krieg zu Ende. Und nach langer Odyssee landete er als Hilfsarbeiter bei einem Bauern in Mecklenburg. Parallel war Ilse mit vielen Prenzlauern auf der Flucht vor der Front Richtung Mecklenburg unterwegs. Im September 1945 kehrte sie in die völlig zerstörte Stadt zurück. „Was für ein jammervoller Anblick. Damals starben täglich dutzende Menschen an Typhus, ich habe die offenen Leichenwagen zu den Massengräbern fahren sehen. Alles hungerte“, erzählt Ilse. Bekannte erzählten ihr, dass Fritz sie gesucht habe, da wusste sie, dass er noch lebt. Sie verließ nach zwei Tagen wieder die Stadt. Und dann folgt eine Geschichte, die der 88-Jährigen noch heute Tränen der Rührung in die Augen treibt. In Bad Kleinen wartete sie auf einen Zug und lief die Schienen entlang. Auf einem anderen Gleis stand ein Zug. Ein Soldat half einer Frau mit Kinderwagen in den Waggon. „Das war mein Fritz. Die Wiedersehensfreude war riesig, alle Beteiligten um uns herum weinten.“
Am 2. April 1946 kehrten beide nach Prenzlau zurück, bezogen ein Zimmer in der Schwedter Straße, einen Tag vorher war Ilses 55-jähriger Vater aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Die Not war groß, es gab kaum etwas zu essen. „Noch heute kann ich kein Stückchen Brot wegwerfen“, erzählt sie. Der Vater fing in der Zuckerfabrik an. Am 1. Juni 1946 heirateten Ilse und Fritz in St. Nikolai. Im September 1946 wurde die (leider schon verstorbene) Tochter geboren. Doch da Fritz in der sowjetischen Zone als Ausländer galt, verließ die kleine Familie im Mai 1947 Prenzlau Richtung Österreich.
Doch das Heimweh ließ Ilse nicht los. 1952 reiste sie offiziell zur Leipziger Messe, erreichte aber nach vielen Problemen und Schikanen Prenzlau. 1955 wiederholte sie mit ihrer Tochter diese abenteuerliche Reise. Die Hutterers bereisten später die ganze Welt, feierten aber diamantene und eiserne Hochzeit stets in Prenzlau. „Vielleicht können wir die Gnadenhochzeit, 70Jahre, ja auch noch erleben und nach Prenzlau kommen“, hofft Ilse Hutterer.
Seit Pfingstsonntag sind sie hier, am 16. Juni fahren sie die 1000 Kilometer mit dem Auto wieder zurück nach Österreich. Die LAGA haben sie schon mehrfach besucht. „Wunderschön. Prenzlau wurde in den Blickpunkt gerückt. Es ist toll, was aus der Stadt geworden ist.“ Nur eine kleine Kritik äußerte die Prenzlauerin: „Bei einer LAGA-Führung erzählte uns die junge Frau, dass im Seepark das faschistische Kriegerdenkmal gestanden habe. Das ist Unfug, denn das 1924 errichtete Denkmal erinnerte an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Und die Nazis wollten es eigentlich beseitigen, denn der klagende, nackte Jüngling erinnerte so gar nicht an die gewünscht heroisch-gestählten Soldatenfiguren.“ Der Prenzlauer Jüngling sei eines der eindrucksvollsten, berührendsten Kriegerdenkmäler gewesen. „Nur einmal noch hat mich ein Denkmal zu Tränen gerührt: Das war 1979 auf unserer Reise durch den Kaukasus, als wir in einem Alanendorf ein Denkmal sahen: ein Pferd mit einem leeren Sattel, darüber die Raben kreisend.“
 

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×