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Beschnittene Stempel und andere Wirtschaftswunder

Als der Laden, den Familie Matschull heute in fünfter Generation betreibt, zum ersten Mal die Türen öffnete, gab es in Ostbrandenburg noch keine Industrie- und Handelskammer. Der damalige Kolonialwarenladen in Boitzenburg war von Franz Ludwig Friedrich Goetze am 29. August 1832 gegründet worden und erzählt ein Stück regionaler Wirtschaftsgeschichte. Diese Geschichte – und viele Unternehmergeschichten – standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung zum 150. Gründungsjubiläum der Industrie- und Handelskammer (IHK). Deren „Geburtsstunde“ schlug im Sommer 1863 in Frankfurt (Oder) als eine Organisation „ehrbarer Kaufleute“. Zu einem Zeitpunkt also, als im Kolonialwarenladen Goetze schon seit 31 Jahren Mehl und Bonbons über die Ladentheke gingen. An die bewegte Geschichte der IHK erinnerte Präsidiumsmitglied Steffen Rosenbaum. Der Templiner Unternehmer hatte zum ersten Mal nach seiner eigenen Firmengründung im Jahr 2000 Kontakt zur IHK. „Ich bekam eine Zahlungsaufforderung. Und da fragte ich mich: Wer sind die und was wollen die?“ Die IHK nimmt hoheitliche Aufgaben, zum Beispiel in der Ausbildung wahr, fungiert als Anlaufstelle für Existenzgründer und versteht sich als Interessenvertretung der Unternehmen. Das sind in Ostbrandenburg immerhin 40 000. Der Grundgedanke sei im Prinzip derselbe wie im Mittelalter: „Selbsthilfe durch Zusammenschluss.“ Nur, dass es in der Gegenwart weniger um den Schutz vor Straßenräubern, sondern um weitaus komplexere Themen geht.

Auf Unterstützung der IHK konnte sich bei Hilferufen auch Christa Kothe verlassen, als sie mit ihrem Mann Werner die Tradition der Glashütte Annenwalde mit Mut und langem Atem wiederbelebt hat. Ihre Geschichte taugt zum Paradebeispiel, wie Unternehmergeist auch Tiefschläge überwindet. Hundert Sonnenuhren aus Annenwalder Fusingglas, die es heute weltweit mittlerweile gibt, zeugen davon. Wie auf überaus unkonventionellem Weg aus einer GmbH in Gründung das Sägewerk Hardenbeck wurde, erläuterte Inhaber Erhard Bohm. Mit einem Taschenmesser hatte der damalige Geschäftsführer Henning schlicht den Zusatz aus dem Stempel „gelöscht“, erzählt der Unternehmer lachend und hält das Corpus delicti in die Höhe. „Wir haben damals einfach angefangen zu arbeiten – auch richtig angemeldet haben wir die Firma erst später“, erinnert Bohm an ein heute unmögliches „Wirtschaftswunder. Auf ein solches, wenn auch ganz anderer Art, kann auch Helga Harendt von der Spedition Schulenburg verweisen. Die Enkelin des einstigen „Hofspediteurs“, der das Unternehmen 1912 gründete, wird in ein paar Tagen ihren Staffelstab an ihre Tochter Ilona Runge übergeben. Ein Nachfolger – das ist etwas, worauf Familie Matschull in Boitzenburg nach 41 Geschäftsjahren noch immer wartet.
 

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