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Der Kirche ein Gesicht verliehen

Reste der alten Uhr sind noch in einer Ausstellung im Inneren der Gerswalder Kirche zu sehen.
Reste der alten Uhr sind noch in einer Ausstellung im Inneren der Gerswalder Kirche zu sehen.

VonHorst Skoupy

Nach circa zehn Jahren Anlauf legen die Einwohner von Gerswalde sowie zahlreiche Förderer einen unerwarteten Schlussspurt für ihre neue Turmuhr hin.

Gerswalde.„So, jetzt Gas!“ Mit diesem nicht ganz frommen Spruch und deutlichem Berliner Dialekt gab am Sonnabend Horst Bittner seinen Sohn Holger das Signal, die neue Uhr, die sie in ihrer Firma Glocken- und Turmuhren in Neuenhagen gebaut hatten, am Turm der Gerswalder Kirche in Betrieb zu nehmen. Unter dem Beifall von Hunderten Menschen setzten sich schließlich die Zeiger der Funkuhr mit elektrischem Uhrwerk in Gang: Erst ganz langsam, mit bloßem Auge kaum erkennbar, dann deutlich schneller, bis die exakte Zeit um sechs Minuten vor 15Uhr erreicht war.
In einer selten so gut gefüllten Kirche hatte Heide Enseleit, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Gerswalde, keine Stunde zuvor beim Festgottesdienst über den beschwerlichen Weg bis zur feierlichen Inbetriebnahme der neuen Kirchturmuhr berichtet. „Vor circa zehn Jahren war Horst Bittner das erste Mal nach Gerswalde gekommen, um über den Bau einer neuen Uhr zu sprechen“, erzählte sie. Damals hatte man sich vorgenommen, Spenden für das Vorhaben zu sammeln. Doch es sei immer wieder in Stocken geraten. Bis vor Jahresfrist Gerswaldes Apothekerin Karola Ulrich eine erneute Initiative anregte. „Ich hatte das Gefühl, dass das Vorhaben endlich zu Ende gebracht werden musste“, sagte sie. In ihrer Apotheke, in der eine Spendendose für die neue Uhr stand, unkten vor allem ältere Gerswalder bereits, ob sie die Inbetriebnahme der Uhr noch erlebten.
So entstand eine „Uhren-Initiativgruppe“ aus Vertretern der Gemeinde sowie der Kirchengemeinde. „Wir hatten uns vorgenommen, die rund 14 000 Euro für die Uhr durch Spenden bis Sommer 2015 aufzubringen“, berichtete Heidi Enseleit. Dank einer beispiellosen Spendenbereitschaft von Bürgern, Unternehmen und Einrichtungen habe das Vorhaben sehr viel eher gemeinsam mit Horst Bittners Firma verwirklicht werden können. „Da hat sich wieder einmal gezeigt, dass man Kostenangebote in unsere Branche nicht wegschmeißen muss“, kommentierte der Firmenchef den gelungenen Abschluss des langen Anlaufs.
An diesem Nachmittag fand sich in Gerswalde niemand, der sich noch erinnern konnte, wann die alte Uhr an der Kirche noch funktionierte. „Ich finde es schade, dass scheinbar niemand mehr weiß, wann und durch was die alte Uhr zerstört wurde“, sagte Gerda Kucharczyk aus Willmine. Es muss auf jeden Fall noch vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein, meinte die 86-Jährige, die 1946 nach Gerswalde kam. Die nachfolgenden Generationen sind ohne funktionierende Kirchturmuhr aufgewachsen, haben nach der Wende miterlebt, wie sich das Aussehen der Kirche Schritt für Schritt gewandelt hat: Das Dach wurde neu eingedeckt, der Kirchturm saniert, die Fassade erneuert. Diese Entwicklung, so Heidi Enseleit habe die Gerswalder motiviert, jetzt auch für das Vorhaben einer neuen Kirchturmuhr Geld zu geben.
Gerswaldes Bürgermeister Dr. Ernst Zeiger nutzte vor der feierlichen Inbetriebnahme daher auch die Gelegenheit, den Bürgern und Sponsoren, die zahlreich Geld spendeten, für ihr Engagement zu danken. „Ohne Ihren Einsatz hätte das Vorhaben nicht gelingen können“, meinte er. Und so wie die Spendenbereitschaft beispiellos gewesen wäre, sei die Uhr etwas Besonderes. „Sie gibt der Kirche ihr Gesicht“, stellte er fest und sprach damit vielen der Anwesenden aus dem Herzen.

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h.skoupy@uckermarkkurier.de

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