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Häuser, die Geschichte(n) erzählen

Das Hugenottenhaus in Hammelspring war noch bis 1968 von Nachfahren der protestantischen Glaubensflüchtlinge bewohnt. Ein Verein hat es gepachtet und will es vor dem Verfall bewahren.
Das Hugenottenhaus in Hammelspring war noch bis 1968 von Nachfahren der protestantischen Glaubensflüchtlinge bewohnt. Ein Verein hat es gepachtet und will es vor dem Verfall bewahren.

Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen der Bauingenieurin Martina Reichelt und dem alten Fachwerkhaus in Hammelspring: „Ich habe für meine Masterarbeit ein Objekt in Brandenburg gesucht, stand dann vor diesem Haus und wusste sofort – das ist es.“ Was auf den Laien angesichts der maroden Bausubstanz abschreckend wirkt, ließ das Herz der Fachfrau höher schlagen. Denn es gibt nur sehr wenige Häuser, die so originalgetreu die Zeiten überdauert haben, das Haus in Hammelspring gilt als das älteste in ursprünglichem Zustand erhaltene Hugenottenhaus in Brandenburg. Obwohl das Haus noch bis 1968 von Hugenottennachfahren bewohnt war, sind Fachwerk und die Aufteilung der Räume wie zur Bauzeit erhalten. Im Inneren gibt es eine sogenannte schwarze Küche. Hier wurde auf dem Herd über offenem Feuer gekocht, der Rauch zog über einen Kamin ab und färbte die Decke schwarz. Das zweigeschossige Fachwerkhaus war von den Hugenotten 1762 errichtet worden und diente den Kolonisten bis 1824 als Prediger- und Schulhaus. Die ersten protestantischen Glaubensflüchtlinge sollen 1699 aus einem wallonischen Dorf in der Nähe von Mons (im heutigen Belgien) nach Hammelspring gekommen sein. Über diese Geschichte soll künftig auch dieses Haus informieren. Denn Martina Reichelt hat nicht nur ihre Masterarbeit über das sanierungsbedürftige Kleinod geschrieben und ein Buch veröffentlicht, sondern auch einen Verein gegründet, der das Gebäude seit zwei Jahren in Erbpacht hat und hier eine Begegnungsstätte und ein kleines Museum errichten will.
Im November 2012 konnte das Dach mit Unterstützung der Jugendbauhütte der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) zumindest provisorisch abgedichtet werden. „In diesem Jahr wollen wir beginnen, die Bauhülle zu sanieren, Holzteile zu ersetzen, Verbindungen zu erneuern“, zählt Martina Reichelt auf. Geld dafür ist bei der Stiftung und beim Landkreis beantragt.
Dass künftig die Denkmalplakette von der Besonderheit dieses Hauses kündet, sei für den Verein eine Anerkennung, die Verpflichtung, weiterzumachen, und, so Martina Reichelt, „ein wichtiges Zeichen für die Bewohner von Hammelspring“.
Auch der ehemalige Schweinestall in der Ortsmitte von Groß Fredenwalde wurde von einer Frau gerettet. Was dem Verein um Martina Reichelt noch bevorsteht, hat Inge Mahn bereits geschafft: Die Bildhauerin, die bis 2010 als Kunstprofessorin an der Kunsthochschule Weißensee arbeitete, sanierte das denkmalgeschützte Bauwerk.
Als sie vor drei Jahren gefragt wurde, ob sie das langgestreckte Gebäude aus dem 19.Jahrhundert haben wolle, hatte sie spontan Ja gesagt und stoppte den bis dahin scheinbar unaufhaltsamen Verfall. Nach der Sanierung hatte Inge Mahn sich mit einem Brief an die Groß Fredenwalder gewandt: „Das Haus, wo Herr Ulrich zuletzt seine Schweine hielt und das nach seiner Kündigung langsam verfiel, ist jetzt wieder fast wie neu. Es soll ein Nachbarschaftshaus werden. … Aber damit es ein Nachbarschaftshaus wird, brauche ich jetzt die Hilfe aller.“
Inge Mahn bat die Bevölkerung um Exponate für das Stallmuseum und um „Tauschgegenstände“ für die Tauschbörse – mit Erfolg. Zur Eröffnung am 1. Mai 2012 fanden sich in der Ausstellung Gegenstände aus fast jeder Familie.
Das besondere Museum ist an vier Tagen in der Woche geöffnet, kostet keinen Eintritt und wird nicht beaufsichtigt. Wenn im endlich beginnenden Frühjahr wieder Wanderer und Radfahrer von überall her in den neuen alten Stall kommen, werden sie das blau-weiße Denkmalzeichen des Landkreises am geschichtsträchtigen Gemäuer sehen.

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b.bruck@uckermarkkurier.de

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