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Knüppel Taktstock wird eingepackt

VonSigrid Werner


Eine Ära geht zu Ende. Rund 1000 Konzerte tragen die Handschrift des Kirchenmusikers, egal, ob er selbst dirigiert oder sie organisiert hat. Jetzt macht der bundesweit geachtete Musikwissenschaftler ernst, wechselt in den Ruhestand.

Templin.„Alles wiederholt sich nur im Leben, ewig jung ist nur die Fantasie“, soll Friedrich Schiller gesagt haben. Fantasie hat Dr. Klaus-Jürgen Gundlach noch genug. Er wüsste so viel Musik-
literatur aus der Versenkung zu holen, die es lohnt, für Chöre zu bearbeiten. Doch zunächst möchte er sich profaneren Dingen widmen.
Als Klaus-Jürgen Gundlach vor 32 Jahren, im April 1982, in Templin aufschlug, wollte er eigentlich Kantor werden. Die Kleinstadt mit ihren damals gerade mal etwas über 12 000 Einwohnern, aber mit durchweg mindestens 2500 Urlaubsgästen verhieß Aussicht auf reichlich Konzertpublikum. Doch zunächst wurde der Kirchenmusiker eher unfreiwillig Hausmeister unter eigenem Dach. Mussten doch die flinken, Klavier geübten Finger zunächst gröbere Arbeiten verrichten, damit in der ihm versprochenen Villa am See lebenswerter Wohnraum entstand. So musste die Orgel in der Maria-Magdalenen-Kirche warten, ehe der junge Kantor, damals 34 Jahre alt, Mitte Juni 1982 erstmals zur Orgelvesper einlud und eine Probe seines musikalischen Könnens gab.

Ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwinden
Ab kommendem Montag dürfte Klaus-Jürgen Gundlach jeden Morgen wieder einen Aufgabenzettel auf dem Frühstückstisch vorfinden, der ihn erneut als Hausmeister im eigenen Heim identifiziert. Nur wird er für solche Arbeit jetzt Muße haben. Denn am Sonntagnachmittag verabschiedet ihn die evangelische Kirchgemeinde von Templin ab 14 Uhr mit einem Festgottesdienst, natürlich mit viel Musik und anschließendem Empfang, in den wohlverdienten Ruhestand. Darauf freut sich Klaus-Jürgen Gundlach, so gibt er vor, schon unbändig. „Ich habe mir ausbedungen, nach all den vielen Jahren, in denen freie Sonn- und Feiertage für mich als Kirchenmusiker eher ein Fremdwort waren, mir ein halbes Jahr frei zu nehmen von jeglichen Verpflichtungen in der Kirchgemeinde und werde erst mal von der Bildfläche verschwinden“, kündigt der Kirchenmusiker und promovierte Musikwissenschaftler beherzt an. Er werde seinem Nachfolger nicht in die Quere kommen, keinen Chor und kein Ensemble mit in den (Un-)Ruhestand hinübernehmen.
„Die Familie ist doch all die Jahre total auf der Strecke geblieben“, erklärt er. Bei drei Kindern und Enkelkindern habe er genug aufzuarbeiten.
Sein letztes Abschiedsgeschenk an Templiner Musikliebhaber werde das Konzert mit der Kantorei Templin am 16. Juni sein, sein „Abgesang“, wie er schelmisch sagt. Dann werden die rund 45 Sängerinnen und Sänger gemeinsam mit der Schwedter Kantorei und den Mitgliedern des Orchesters der Komischen Oper seinem strengen Dirigat folgend nach 20 Jahren noch einmal „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn aufführen.
Auf dem Pult im Arbeitszimmer zu Hause bei Dr. Klaus-Jürgen Gundlach liegt seit Monaten die Partitur, an der der Fast-Rentner fast bis zur „Erschöpfung“ arbeitet. Ein halbes Jahr braucht es, bis er das Klangbild eines solchen Werkes und die Partituren an seinem Klavier verinnerlicht habe, gesteht der Kirchenmusiker. Jedes Jahr seien unter Gundlachs Leitung gleich zwei solcher großen Werke einstudiert worden, Stücke, die üblicherweise Profi-Chöre zur Aufführung bringen, erinnert Jobst Reifenstein, Sänger und Vorsitzender des Gemeindekirchenrates. Hinzu kamen pro Jahr jeweils ein A-Capella- und ein Weihnachtskonzert. „Wir haben das ganze große klassische Chorwerk-Repertoire gesungen, uns durch alle Epochen bis zur Moderne gearbeitet. Und moderne Musik klingt nur, wenn sie sauber gesungen wird“, weiß Reifenstein. Die Kantorei-Mitglieder führten das obligatorische Weihnachtsoratorium genauso auf wie die h-moll-Messe, die Matthäus- und die Johannes-Passion von Bach.
Ein Berliner Solist, der mit den Templinern musizierte, schwärmte: „Es ist einfach großartig, wenn ein so kleiner Chor so große Musik machen kann.“ Und selbst Heinz Werner Zimmermann als Vertreter der Moderne, der zur Aufführung seines Werkes „Te Deum“ persönlich nach Templin gekommen war, zeigte sich begeistert von der Interpretation seines Werkes durch einen Laienchor. Bei solchen Lobeshymnen schwillt auch des stattlichen Kantors Brust. Fast 40 Ur- und Wiederaufführungen – davon auch Vokalwerke von Johann Philipp Krieger, über den Gundlach 1981 seine Dissertation schrieb – haben die Templiner realisiert und damit Musikgeschichte mitgeschrieben. „Wir waren die Versuchskarnickel“, sagt lachend Jobst Reifenstein. „Die Chormitglieder haben sich mit ihren Aufgaben entwickelt, musikalisch, geistig und geistlich“, schätzt Gundlach ein. Langjährige Chormitglieder zogen die neuen mit. „So erreichten wir auch bei Wiederaufführungen immer neue Stufen der Interpretation“, freut sich der scheidende Kantor über sein Lebenswerk.

Sänger: Manchmal war es schon belastend
Der Preis, den auch die Sängerinnen und Sänger dafür zahlten, ist hoch: Die Probenintensität hatte es in sich. Schon bald, nachdem der junge Kirchenmusiker in Templin seine Stelle antrat, blieben über 90-jährige Chormitglieder zu Hause. Einsingübungen, Stimmbildung… das war einfach zu anstrengend. Mit zwölf Mitgliedern in der Kantorei begann Gundlach das aufzubauen, was heute weit über Templin hinaus einen Namen hat. Bis zu 65 Chormitglieder zählte die Kantorei zeitweise. Selbst aus Umlandgmeinden kamen die Sänger. Der Laienchor folgte seinem Ruf nicht nur zu den donnerstäglichen Chorproben, sondern auch zu Sonderproben, Chorwochenenden, Auftritten, Konzertreisen.
„Manchmal war es belastend“, gesteht Jobst Reifenstein. Gundlach habe schon immer auch den „Knüppel in der Tasche“ gehabt. Doch was der Kantor anfasse, das wolle dieser mit Perfektion auf die Bühne bringen. „Ernste Sache – wahre Freude. Nur wenn ich was mit ganzer Hingabe betreibe, dann kann das Ergebnis andere Menschen überzeugen. Ohne Konsequenz und Disziplin keine Qualität“, ist Klaus-Jürgen Gundlachs Credo. Die hervorragende Akustik in der Maria-Magdalenen-Kirche Templin gab ihm Recht. „Sie verzeiht den Chorsängern nichts“, bestätigt Reifenstein. Jeder kleinste Fehler sei zu hören. Klaus-Jürgen Gundlach mag keinen hören. Und so pickte er sie in seinen Proben erbarmungslos heraus, all die, die einen Hauch daneben lagen. Fast wöchentlich standen in den letzten 30 Jahren bei ihm im Arbeitszimmer Chorsänger zum Einzelunterricht. „Manche konnten anfangs nicht einen Ton exakt nachsingen und sind heute die zuverlässigsten Mitglieder der Kantorei“, freut sich Gundlach über deren Entwicklung. Sicher nicht nur, weil sie wie ihr Kantor Disziplin verinnerlicht hatten, sondern weil sie mit ihm wuchsen und weil sie vor allem zur eigenen Freude und zum Lob Gottes singen wollten. Wenn dann ein Konzert begeistert aufgenommen wurde vom Publikum, mit langem Beifall bedacht, dann waren all die Anstrengungen vergessen.
Für diese Momente lebt Klaus-Jürgen Gundlach. Wird er auf sie verzichten können, künftig so ganz ohne seine Kantorei? „Jede Ära geht einmal zu Ende. Die Arbeit ist mit den Jahren nicht einfacher geworden. In Templin gibt es zwölf Chöre und 340Chorsänger. „Früher waren wir nur drei Chöre.“ Gute Stimmen und treuer Nachwuchs sind inzwischen Mangelware. Die neuen Herausforderungen brauchen frischen Mut. Da sollen sich jetzt Jüngere die Zähne ausbeißen. „Man muss auch loslassen können“, sagt der Kantor. Sein „Baby“ glaubt er in guten Händen.

Kantor hält sich
Hintertürchen offen
Gundlach ist schon gespannt auf seinen Nachfolger Helge Pfläging, der am 1. Juli aus Dahme nach Templin wechselt. 35 Jahre jung wie er selbst vor 31 Jahren wird der neue Kantor vielleicht den zuletzt immer kleiner gewordenen Kinderchor aufpäppeln, sich der Kantorei annehmen, des Bläserchors, der Senioren, die nach drei Jahren fleißigen Übens sich endlich als Chor fühlen, und er wird die Konzertreihen organisieren. Immerhin 700 Konzerte hat sein Vorgänger Gundlach in den vergangenen 30 Jahren selbst dirigiert oder nach Templin geholt und dafür Mittel eingeworben. All das ist jetzt nicht mehr Gundlachs Verantwortung.
Doch er ist klug genug, sich kleine Hintertürchen offen zu halten: Die Arbeit als Chefredakteur der Zeitschrift „Forum Kirchenmusik“ des Verbandes Evangelischer Kirchenmusiker in Deutschland wird er noch zwei Jahre weiterführen. Vielleicht wird man ihn wiederwählen. An seine Orgel zu Hause wird Gundlach sich nach wie vor jeden Morgen um halb acht für ein, zwei Stunden setzen, um ja nicht aus der Übung zu kommen. Vielleicht wird er auch gebeten, die neue Schuke-Orgel (von 1994) in der Maria-Magdalenen-Kirche ein ums andere Mal zum Klingen zu bringen, um die er sich so verdient gemacht hat. „Man wird sehen…“, sagt Klaus-Jürgen Gundlach verschmitzt. Und vielleicht wird er irgendwo, irgendwann sogar wieder den Taktstock schwingen, ohne Druck für sich und andere… nur zum Spaß.

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s.werner@uckermarkkurier.de

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