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„Storchenkino“ wird mit jedem Tag interessanter

Für den Neu Plachter Wilfried Tiegs und seine Familie beginnt seit Kurzem beim Blick aus dem Dachfenster das „Storchenkino“ immer interessanter zu werden. Auf dem Betonmast im Gutshofgelände recken sich noch recht wacklig die kurzen Hälse des frisch geschlüpften Storchennachwuchses. Da die tiefe Nestmulde selbst aus de Dachgeschoss des Wohnblocks nicht ganz eingesehen werden kann, wusste man auch nicht, wie viele Eier „in Arbeit“ waren. Noch kann der Neu Plachter deshalb nicht genau sagen, ob es in diesem Jahr drei oder vier Jungstörche geben wird. Die beiden Altstörche sind emsig bei der Arbeit, beobachtet er. Von frisch gemähten Wiesen kurz vor Templin, von Koppeln oder von den Feuchtwiesen rund um Neu Placht werden jetzt vor allem Kleinlebewesen wie Regenwürmer und Käfer herantransportiert. Kaum ist der eine Storch auf dem Nestrand gelandet, wechselt die Verantwortung für die Aufsicht auf ihn über und der andere kann auf Futtersuche fliegen. An den zurückliegenden stürmischen Regentagen hat immer ein Altstorch die Jungen schützend unter seine Fittiche genommen. Jetzt, wo die Sonne wieder scheint, stellt er sich so, dass sein Schatten auf den Nachwuchs fällt.

Dass auch in diesem Jahr wieder vier junge Weißstörche in Neu Placht aufwachsen könnten, wäre keine Überraschung. In den zurückliegenden zwölf Jahren – so lange wird offiziell gezählt – gehört der Horst zu denen in der Region, die sich als besonders nachwuchsfreudig erwiesen. Mit 33 ausgeflogenen Storchenjungen nimmt der Neu Plachter Horst auf dem Betonmast des Gutshofes den zweiten Platz im Naturpark Uckermärkische Seen und im Altkreis Templin ein.

Doch er weist auch eine Besonderheit auf. Im vorigen Jahr gab es einen „Absturz“. Das üppig wuchernde Grün unter dem Horst verhinderte Schlimmeres. „Wahrscheinlich wurde der schwächste Jungstorch aus dem Nest gedrängt“, vermutet Wilfried Tiegs. Unbemerkt blieb das nicht. Doch wohin mit dem kleinen Kerl? Von den Förstern Jens und Anja Daher wusste man, dass sie sich schon seit Längerem um eine Storchenansiedlung in ihrem Dorf bemühten. Also, den Jungstorch in einen Eimer und ab zu den Förstern. Das war die beste Adresse, die es für so ein Waisenkind geben konnte. Vor allem die beiden Söhne Max und Paul waren Feuer und Flamme. Die ersten Nächte wurde ein Heulager im Stall nicht nur das Nachtquartier für das Storchenbaby, sondern abwechselnd auch für einen der Daher-Söhne. Verständlich, dass der Storch wie ein Familienmitglied aufwuchs. Zum Flug in den Süden Ende August war der kleine Langschnabel allerdings noch nicht ganz fit. In Fällen wie diesem ist der Milmersdorfer Tierarzt Ingo Börner Ansprechpartner, Rat- und Quartiergeber. Über den Winter kam der Neu Plachter Findling auf diese Weise ganz gut. Und er – oder vielleicht besser sie? – machte in diesem Frühjahr schon häufiger Schlagzeilen in und um Templin, weil er durch seine rotblaue Beringung nicht zu verwechseln war. Mal auf der Suche nach günstigem Futter eine Landung auf dem Marktplatz, mal ein Besuch beim Baumarkt in der Lychener Straße, mal ein Stopp an der Bushaltestelle – von Scheu konnte keine Rede sein. Und auf dem Daher’schen Hof fühlt er sich wie zu Hause. Wo es Hunde, Schafe und Geflügel gibt, fällt ein Bröckchen Futter immer ab. Max und Paul bringen dazu frisch geangelten Fisch.

Um die auf einem Mast errichtete Nistunterlage auf einer Koppel und den Findlingsstorch kreisten in diesem Frühjahr öfter mal andere Störche, aber geblieben ist keiner. Das wäre auch verwunderlich, denn Störche sind frühestens nach drei bis fünf Jahren geschlechtsreif und damit für eine Paarung bereit. „Ich glaube, der weiß noch gar nicht, dass er ein Storch ist“, sagt Jens Daher scherzhaft.
Den Horst auf der Nistunterlage hat der Storch völlig „zurückgebaut“, indem er Knüppel, Äste und Zweige hinunterwarf. Stattdessen erkor der Storch einen der Schornsteine des Wohnhauses der Försterfamilie als neuen Nistplatz. Gespannt sind die Dahers, was im August passiert, wenn der Storchenzug in den Süden einsetzt.

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