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Was tun, wenn plötzlich ein Nachbar über’n Zaun stiert?

Die Stadtverordneten waren hin- und hergerissen: Zum einen wollten sie einem Investor bei seinem Vorhaben beschleunigend unter die Arme greifen, zum anderen übten sie sich im Friedenstiften.

„Wir fällen eine Entscheidung, mit der zwei Nachbarn lange leben müssen“, sagte Uwe Göritz. Andrea Kokot hätte die Satzungsentscheidung über den B-Plan „Feldbruch“ sogar lieber zurückgestellt, bis sich Invstor und Nachbar geeinigt haben. Doch das hätte die Entscheidung bis in den Herbst vertagt. Zeit ist Geld, wie Thomas Kolberg betonte, erst recht für einen Bauherren, der gleich sechs Wohnhäuser errichten möchte. Die Stadtverordneten gewährten als Kompromiss beiden Parteien sogar Rederecht im Plenum, weit mehr als zuweilen Geschäftsführer von städtischen Unternehmen für sich beanspruchen dürfen. Marcel Kirchhoff als unmittelbarer Nachbar des Investors nutzte das ausgiebig. Kernfrage der langen Diskussion: Inwieweit darf ein Bauvorhaben die Privatsphäre des Nachbarn durch zusätzliches Verkehrsaufkommen oder Einsehbarkeit beeinträchtigen?

Fachbereichsleiterin Thekla Seifert erklärte, dass dieses Gebiet im Flächennutzungsplan als Wohnbaufläche ausgewiesen sei. Jeder Käufer müsse damit rechnen, Nachbarn zu bekommen. Bei sechs bis zwölf WE seien keine 600 Fahrzeuge pro Tag, erst das wär unzumutbar, in der Stichstraße zu erwarten, führte Planer Boris Winker bei der Erläuterung der Abwägungsbeschlüsse aus. Auch die Bauabstandsflächen von 25 Metern seien eingehalten. Von einer erdrückenden Bebauung könne höchstens bei einen Eingeschosser inmitten von Fünfgeschossern die Rede sein. Dennoch bot er einen Kompromiss an: statt 50 Meter Gebäudelänge nur noch maximal 20 Meter.

Für Marcel Kirchhoff ging dieses Einlenken nicht weit genug. Er habe das 3000 Quadratmeter große Grundstück gekauft, um seine Ruhe zu haben, die könne er auf der Terrasse künftig nicht mehr genießen. Ihn ärgere, dass es seinem Nachbarn, anders als ihm, erlaubt werde, in zweiter Reihe zu bauen. Doch genau deshalb musste Vorhabenträger Marco Langfellner auf eigene Kosten einen B-Plan entwickeln. Langfellner sah daher keinen Grund, auf den Wunsch des Nachbarn einzugehen, auf ein Haus zu verzichten. Die Stadtverordneten sahen keinen Anlass, den Beschluss an diesem Tag nicht zu fassen. Mehrheitlich stimmten sie für den B-Plan. Uwe Göritz kritisierte solch überstürzte Verfahren.

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