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Widerstand in den Dörfern

Der Sattlermeister von Blumenhagen bei Strasburg hatte, glaubt man den Protokollen der Staatssicherheit, ordentlich einen über den Durst getrunken in der Dorfgaststätte. Es wurde lautstark diskutiert am Abend des 17. Juni, vor allem über die Ereignisse in Berlin. Da machte der 40-jährige, selbstständige Sattler den Vorschlag, einen eigenen Protest zu initiieren, „damit sie sehen, dass in Blumenhagen auch noch Deutsche sitzen“, wie es später in seinem Urteil stehen wird. Er forderte die anwesenden Dorfbewohner auf, in einen Ablieferungsstreik zu treten und keine Milch mehr an die Sammelstellen zu liefern.
Mitten in der Nachtwurde der Beschuldigte abgeholt. Die erste Vernehmung bei der Polizei ist laut Protokoll auf den 19. Juni um 2.15 Uhr datiert. Der 40-Jährige war Vorsitzender der Nationalen Front im Dorf, ein Zusammenschluss der Parteien und Massenorganisationen. Deren Vertreter protestierten am 9.Juli offiziell gegen die Inhaftierung. Mitglieder von SED, CDU, DBD (Demokratische Bauernpartei Deutschlands), FDGB, FDJ, des Gemeinderats und Bürgermeister Gerstmann hatten ein „Politisches Führungszeugnis“ unterschrieben, das die Verdienste des Sattlermeisters hervorhob. „Aufgrund seiner bisherigen politischen und wirtschaftlichen Arbeit fordern wir die sofortige Freilassung des Blockfreundes.“
Doch die demokratische Intervention überzeugte die Justizorgane nicht. Mitte Juli wurde der Sattlermeister zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt.

Ehefrau scheitert mit ihrem Gnadengesuch
Mehr als 100 Bewohner von Kuhz und benachbarten Dörfern im Kreis Templin bewiesen ähnlichen Mut. Mit ihren Unterschriften forderten sie im September 1953 die Aufhebung einer dreijährigen Zuchthausstrafe gegen einen 54-jährigen Maurer. „Paul Franz ist ein allseitig geschätzter Arbeitskollege, welcher uns zu jeder Zeit mit Rat und Hilfsbereitschaft zur Seite gestanden hat. Sein unentwegter Fleiß führte ihn stets in die Reihen der aufbauwilligen Kräfte“, schrieben die Bürger an die Staatsanwaltschaft, die nach Vorschrift handelt: „Da Absender nicht ersichtlich, zu den Akten abheften“, heißt es in einem handschriftlichen Vermerk.
Welcher „Verbrechen“ wurde Paul Franz bezichtigt? Am 17. Juni 1953 soll der beim Kreisbaubetrieb Templin beschäftigte Maurer an einem Streik beteiligt gewesen sein. Er und seine Kollegen, die auf der Baustelle der MTS (Maschinen-Traktoren-Ausleihstation) in Fürstenau beschäftigt waren, blieben an dem Tag einfach in ihrer Baubude sitzen. Paul Franz habe den Rücktritt der Regierung gefordert. Diese Forderungen erneuerte er auf einer Belegschaftsversammlung am 8. Juli, an der etwa 35 Kollegen teilnahmen. In einem längeren Diskussionsbeitrag kritisierte er insbesondere Pieck, Grotewohl und Ulbricht, die nicht den Mut gehabt hätten, am 17. Juni zu den Arbeitern in Berlin zu sprechen.
Die Ehefrau des Verurteilten, Hildegard Franz, stellte im Frühjahr 1954 ein Gnadengesuch beim Staatspräsidenten, das von der Staatsanwaltschaft abgelehnt wurde. Erst am 21.April 1956 wurde Paul Franz durch das Bezirksgericht Neubrandenburg die „bedingte Strafaussetzung mit einer Bewährungsfrist von drei Jahren“ zugebilligt.
 

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