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Wischmeyers Brachialpoesie über Helden wie du und ich

Nach einem vergnüglich-bitterbösen Abend gab es ein Autogramm für die „Ahnengalerie“ des Multikulturellen Centrums.  FOTOs (2): birgit Bruck
Nach einem vergnüglich-bitterbösen Abend gab es ein Autogramm für die „Ahnengalerie“ des Multikulturellen Centrums. FOTOs (2): birgit Bruck

Dietmar Wischmeyer hat eine Vision: Er sitzt wie einst Noah auf der Arche und wohnt dem Untergang der Bekloppten und Bescheuerten bei. Um nach diesem Reset der Erde befreit von vorn zu beginnen. Das wäre schade. Denn dann wäre es ja geschehen um all die veganischen Edelmenschen, die Willi Deutschmanns hinter dem Gartenzaun und porschefahrenden Anna-Lena-Mütter, aus deren Schalten und Walten der Schwarzbuch- und Frühstüxradioautor seine bitterbösen Weltbetrachtungen zieht. Dann könnten Abende, wir der am Mittwoch im ausverkauften Multikulturellen Centrum, nicht stattfinden. Und das wäre wirklich schade. Auch fällt es schwer zu glauben, dass der Mann mit der ungezügelten Zunge den Untergangswunsch wirklich hegt. Zu groß scheint die Lust des studierten Literaturwissenschaftlers, seine Verzweiflung über die menschliche Unvollkommenheit in Wortungetüme zu kleiden und mit Häme zu überziehen. „Meerschweinchenintimfriseure“ konkurrieren mit „Ebay-Power-Sellern für Whiskas-Rückläufer“. Das allzu ausführliche Zitieren aus seinen Texten macht Wischmeyer indes schwer. Zumindest für Autoren, die in Periodika veröffentlichen, die auch Kindern zugänglich sind – Lokalzeitungen zum Beispiel.

Denn ein ums andere Mal geht es um Ausscheidungsprodukte, entsprechende Körperöffnungen und Geschlechtsverkehr. Da wird im „Forst gefiedelt wie bei den Philharmonikern“ und „Selbstmanagement“ ist, „zu kacken, wenn man muss“ – und nicht, wenn die App sich meldet. Nur mal als gerade noch zitierfähige Beispiele. Das Publikum scheint durchweg mit „Wischmeyer-Erfahrung“ ausgestattet und feiert den Verkünder und Spiegelvorhalter, wenn der mit Minimalrequisite und Stimmenvariationen in die Rollen schlüpft. Und als nah an der Unverständlichkeit nuschelnder kleiner Tierfreund über Jürgen, den breitbeinigen Rotkehl, und Rehbock Dietrich fabuliert. Oder als Treckerfahrer Günther aus Plattengülle/Ems das Landleben unter die Lupe nimmt. Jene Leute also, die zeitlebens nie den Ortsausgang ihres Dorfes finden und jene „putzigen Typen“, die von der Stadt aufs Land ziehen. Lehrer zum Beispiel. Die hinterm Sichtschutz ihre viele freie Zeit verbringen und Unfrieden im Dorf stiften. Dort, wo man ungestört Gülle und tote Schweine in die Grube schüttet und dafür EU-Geld kassiert. In der großen Stadt hingegen, so räsoniert der in Melle-Oberholsten am Wiehengebirge geborene Niedersachse Wischmeyer, sitzt Klaus Wowereit beim zweiten Morgen-Latte und füttert Rattenbabys mit Croissantresten, während die Bundeskanzlerin bei „Stacheldrahtmarmelade und Essig“ beschließt, einen milden Tag im Kabinett einzulegen.
Kristina Schröder zum Heulen bringen und den niedlichen Fidschi ein bisschen ärgern also. Es ist ein Abend der deutschen Helden. Ein Abend des befreiten Lachens über die Absurdität des Seins. Oder zumindest seines Abbilds. Das applaudierende Publikum wird von Wischmeyer mit der usbekischen Nationalhymne entlassen. Noch eine Vision.

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