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Als dumme Nazis die Bücher kluger Menschen verbrannten

Aufmerksame Zuhörer, aber auch Vorleser gab es bei einer Veranstaltung im Torgelower AWO-Treff. Dort wurde an die Bücherverbrennung durch die Nazis vor 80 Jahren erinnert. [KT_CREDIT] FOTO: Angelika Janz & dpa-Archiv (rechts)
Aufmerksame Zuhörer, aber auch Vorleser gab es bei einer Veranstaltung im Torgelower AWO-Treff. Dort wurde an die Bücherverbrennung durch die Nazis vor 80 Jahren erinnert. [KT_CREDIT] FOTO: Angelika Janz & dpa-Archiv (rechts)

VonAngelika Janz

Vor 80 Jahren haben
Nazis Bücher verbrannt.
Ein barbarischer Akt,
an den imTorgelower AWO-Begegnungstreff erinnert wurde.

Torgelow.Ein Haufen Bücher aller Farben, Titel, Autoren – auf dem Tisch geschüttet aus einem alten geflochtenen Wäschekorb. Abgegriffen, zerlesen, etwas muffig im Geruch, Bücher aus den 20er- und 30er-Jahren auch im Originaldruck. Eine so unordentliche antiquarische Verkaufsausstellung?
Nein, da entdeckte man eine ganze Generation von Autoren, deren Werke und eigeneExistenzfür eine endgültige Auslöschung vorgesehen waren. In solchen Körben zu Tausenden wurden 1933 diese Werke und zahllose mehr in vielen Städten Deutschlands dem Scheiterhaufen übergeben. „Wer Bücher verbrennt, der verbrennt am Ende auch Menschen“, so Heinrich Heine, dessen Satz sich als prophetisch erweisen sollte – und seine Werke wurden wie zum Hohn über seine Hellsicht ebenfalls verbrannt.
Der AWO-Treff Torgelow war voller Menschen, die sich zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung zusammenfanden. Zahlreich waren sie gekommen: Natürlich die Damen der Frauenkulturgruppe „Seelenwelten“. Auch Michael Schmal, Autor aus Ueckermünde, der Ernst Wiecherts „Einfaches Leben“ wiederaufleben ließ und selbst einen eindringlichen Text dazu beitrug. Zudem kamen die Damen des Betreuten Wohnens, die Politikerin Marlies Peeger und Silke Mallwitz, neue Chefin des Sachgebietes Kultur im Landkreis.
Unter den Büchern gab es so manche Entdeckung wie jene der Romanschriftstellerin Irmgard Keun sowie von Mechtilde Lichnowsky. Eine ganze Autorengeneration fand ihre Auslöschung durch die damals von den Universitäten ausgehenden Bücherverbrennungen – auch in Greifswald brannte es heftig . Unter den Büchern auch Werke von Ernst Weiß, der
u.a. „Der Augenzeuge“ schrieb. Er hatte als Arzt den künftigen „Führer“, der an einer schweren Augenkrankheit aufgrund einer Senfgasvergiftung litt, 1918 im Alter von 29 Jahren in Pasewalk behandelt, wo er stationiert war, und überaus anschaulich in diesem Buch seinen Charakter dargestellt, künftige Katastrophen ahnend, die dieser Mann verursachen würde.
Es gibt noch viel zu lesen, war das Fazit, nachdem man erheiternde wie auch nachdenkliche und traurige Gedichte von Mascha Kaleko gehört hatte, die vor den Nazis in die USA geflohen war. 1965 wurde in Düsseldorf Erich Kästners „Fabian“ erneut durch eine radikal christliche Jugendgruppe mit weiteren Büchern und anderen von Günther Grass, Albert Camus und Francoise Sagan verbrannt. Kästner, der 1933 zusah, wie dasselbe Buch in Berlin verbrannte, erlebte dies nun noch einmal. „Wider das Vergessen“ arbeiten können wir nur über das Lesen und Forschen der Dichter, ihrer Bücher und ihrer Existenzen, so das Fazit dieser eindringlichen wie interessanten Literaturveranstaltung in Torgelow.

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