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Bald gibt es für Marlene nur noch Erdnussbutter-Brote zum Frühstück

Marlene Kaifer (links) bereitet sich auf eine große Reise vor. Amerika, genauer Indiana, wird bald für ein Jahr ihr Zuhause sein. Ihre kleine Schwester Johanna wird sie sicher sehr vermissen.
Marlene Kaifer (links) bereitet sich auf eine große Reise vor. Amerika, genauer Indiana, wird bald für ein Jahr ihr Zuhause sein. Ihre kleine Schwester Johanna wird sie sicher sehr vermissen.

VonStefanie Peters

Die Welt gehört uns – das sagen sich fünf mutige Schüler des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums, die das kommende Schuljahr im Ausland verbringen. Weit weg von der Heimat also.
In den nächsten Tagen berichten wir von ihren Erwartungen und Träumen, aber auch von ihren Ängsten.

Ueckermünde.Esliegt ein aufregendes Jahr hinter der 15-jährigen Marlene Kaifer aus Ueckermünde, aber noch ein viel spannenderes vor ihr. Im August wird sie die Haffstadt verlassen und über den großen Teich gen Amerika fliegen. Ihre Augen leuchten vor Aufregung, wenn sie über ihr kommendes Austauschjahr in Indiana spricht. „Ich will raus aus diesem Trott hier und etwas Neues kennenlernen, ich will hinaus in die Welt und herausfinden, wie andere Leute ticken“, erzählt die Gymnasiastin über ihre Motivation, ein Jahr freiwillig ihre Heimat und Familie zu verlassen. In Jasonville erwartet sie nicht wirklich das pulsierende Großstadtleben, ganz im Gegenteil: „Das Haus, in dem ich wohnen werde, liegt sechs Meilen entfernt im Nirgendwo an einem Tümpel“, schmunzelt sie. Das aber ist egal, viel wichtiger sei die Gastfamilie, die auf sie wartet. Ihre zukünftige Mum freue sich schon sehr auf den Familienzuwachs, insbesondere Marlenes Körpergewicht mache ihr aber Sorgen. „Ihr Deutschen seid viel zu dünn“, stellte sie in einer E-Mail fest. Drei ältere Brüder, ein pensionierter Dad und drei Hunde gehören ebenfalls dazu. „Mit mir gemeinsam wird auch eine estnische Gastschülerin nach Indiana reisen und das Zimmer mit mir teilen“, erzählt Marlene, die mittlerweile schon die zehnte Austauschschülerin in der amerikanischen Familie sein wird. Neben der Familie hat die Schülerin auch hohe Erwartungen an die Shakamak Highschool. „Der amerikanische school spirit ist legendär, das will ich live erleben und viel Sport machen. Sogar der Chemielehrer sieht cool aus.“ Da wird scheinbar selbst Schule wieder zum Erlebnis. Jasonville hat übrigens seit einem halben Jahr eine deutsche Seite auf Wikipedia. „Mein Onkel hat die englische extra für mich übersetzt und ins Netz gestellt“, erzählt sie noch immer beeindruckt vom Einsatz ihres Onkels.
Der Weg zum Austauschjahr in den Vereinigten Staaten war für Marlene ein besonderer. Bereits seit der siebten Klasse dachte sie über ein Auslandsjahr nach, insbesondere als ihre Englisch-Noten in den Keller gingen, schien ihr das als einzig wahrer Ausweg. Anfangs stand Südafrika auf der Agenda, was ihr dann allerdings zu gefährlich war, also entschied sie sich für die Staaten. Da die Kosten für ein Austauschjahr nicht unerheblich sind, machte sich die Schülerin auf die Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten und stieß auf das Parlamentarische Patenschaftsprogramm des deutschen Bundestages. „Ich habe zu Beginn nicht wirklich an einen Erfolg geglaubt, dann über Nacht entschieden, es einfach zu probieren“, so Marlene über den Start des Bewerbungsmarathons. Mit ungewöhnlichen Ideen und ihrer sympathischen Art überzeugte sie die Entscheidungsgremien der begleitenden Organisation YFU. „Ich hatte das Gefühl, man musste irgendwie besonders sein und herausstechen. So sang ich in einer Auswahlrunde sogar die Nationalhymne, das hat scheinbar gewirkt“, vermutet die Schülerin. Nach wie vor ungläubig, es als eine von etwa 50 Bewerbern geschafft zu haben und im August als Patin vom Bundestagsabgeordneten Christoph Pohland, CDU, in die USA zu reisen. „Der Moment, als der Brief nach unserem Winterurlaub ankam, war wie eine Erlösung“, erinnert sie sich. Auch für ihre Eltern und die jüngere Schwester Johanna war damit eine Zeit des Hoffens und Bangens vorbei. Aber ganz so einfach wollten sie es ihrer älteren Tochter nicht machen. „Bereits Weihnachten musste ich vor meinen Eltern eine Tauglichkeitsprüfung ablegen“, erzählt Marlene und lacht. „Dazu gehörten eine Cheerleader-Performance mit selbst gebastelten Puscheln, drei Tage Cola trinken und Erdnussbutterbrote zum Frühstück sowie die amerikanische Nationalhymne singen.“ Marlene bestand die Herausforderung und trägt nun das Prädikat „amerikatauglich“. Auch wenn ihre Eltern alles Mögliche tun, ihr ein perfektes und aufregendes Jahr zu ermöglichen, ganz so einfach wird der Abschied nicht werden. „Ich habe Angst vor Heimweh, deshalb will ich keinen Telefon- oder Skypekontakt in die Heimat“, sagt Marlene. „Meiner Mama gefällt das gar nicht.“
Bis zum Abflug gibt es noch eine Menge zu tun. „Ich schreibe seit Monaten Tagebuch über diese Vorfreude, den Stress, die Emotionen. Das habe ich jetzt zu einem Abschiedsbuch umfunktioniert, alle meine Freunde, Verwandten und meine Familie geben mir ein paar Zeilen mit auf den Weg“, erzählt Marlene. „Dieses Buch werde ich dann erst im weit entfernten Jasonville, Indiana, lesen und vermutlich ganz viel weinen. Aber so habe ich immer ein Stück Heimat im Koffer und auch im Herzen.“

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