Nordkurier.de

Bittere Lebensbeichte: Ja, ich habe gesoffen

VonKatja Müller

Die Welt war schlecht. Die Menschen waren schlecht. Sein einziger Freund war
der Alkohol. Mit 13 Jahren dröhnte sich Peter Meißner täglich zu. Doch er schaffte den Absprung.

Torgelow.Es hörte keiner zu. Der Druck wuchs von Tag zu Tag. Er wollte kein Vorbild sein. Als ältestes von sechs Kindern wuchs Peter Meißner ohne Vater auf. Schon früh betäubte er all seine Gefühle mit Alkohol. „Mit 13 habe ich schon richtig gesoffen, gleich den harten Alkohol“, erzählt er ohne eine Miene zu verziehen. Schuld? „Tja, was soll ich sagen. Damals waren das alle anderen. Heute weiß ich aber, dass ich es war. Ich ganz allein“, betont Meißner. Doch es dauerte, bis ihm das bewusst wurde.

Erst Jugendwerkhof,
dann kam der Knast
Mit 15 Jahren war er bereits das zweite Mal im Jugendwerkhof. Mit 18 dann zum ersten Mal im Gefängnis. „Es waren Schlägereien, versuchte DDR-Flucht und mein ganzes asoziales Verhalten“, sagt er mit starrem Blick. Zum Entzug war er damals dutzendfach. „Die Polizei hat dich abgeliefert. Dann warst du zehn Tage drin und bist wieder rausgegangen und nach zehn Tagen warst du dann wieder zum Entzug im Krankenhaus. Das Spielchen ging immer so weiter“, erzählt der heute 55-Jährige. Doch mit 23-Jahren kam dann die Wende. Es war eine ältere Dame, die Zugang zu ihm fand. „Ich kam das letzte Mal aus dem Knast und sie hat mir zugehört. Hat sich mit mir unterhalten. Ich hatte endlich das Gefühl, dass auch jemand meine Meinung hören will.“ Und als Peter Meißner dann in dieser Zeit auch noch seine erste große Liebe kennenlernte, fand er Stück für Stück den Weg ins Leben zurück. „Sie hat mich so genommen wie ich bin. Sie hatte auch keine Angst vor mir, denn als wir uns kennenlernten, habe ich immer noch getrunken“, erzählt er.

Ein Morgen , der das Leben verändert hat
Und am 16. November 1981 hat er sich morgens um sechs ein Herz gefasst. „Ich bin mit meiner Mutter mit dem Bus ins Krankenhaus gefahren. Und um uns herum war ganz viel Platz, weil ich so gestunken habe“, sagt er und lacht. Seit 31 Jahren ist er nun trockener Alkoholiker. Denn seine Vergangenheit ist Teil seines Lebens. „Jeder Suchtkranke lebt mit seiner Sucht 24 Stunden, jeden Tag“, erklärt Meißner. Und umso wichtiger sei es, auch nach dem letzten Griff zur Flasche, sich Hilfe zu organisieren. Und dazu gehören neben den Suchtberatungsstellen auch die Selbsthilfegruppen. Heute lebt und arbeitet Meißner in Wismar. Nur zufällig hat es ihn in die Region verschlagen. „Ich arbeite auf einer Baustelle in Ferdinandshof.“ Bei der Torgelower Suchtkrankenhilfe der Arbeiterwohlfahrt hat er Anschluss gefunden und auch ein offenes Ohr. „Es gibt schon viele Stellen und auch Selbsthilfegruppen, aber es gibt noch nicht genug. Und ich möchte einen Teil dazu beitragen“, erklärt der fünffache Familienvater.
Denn nun soll auch der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe, der in Mecklenburg schon zahlreiche Gruppen hat, sich auch in Vorpommern etablieren. Die Suchtkrankenhilfe Torgelow gGmbH werde künftig als Gruppenleiter für diese Selbsthilfegruppe in der Region agieren, erklärte Peter Grosch, Vorsitzender der Landesstelle für Suchtfragen Vorpommern e.V., jüngst während einer Fortbildungsveranstaltung. „Die Selbsthilfegruppen sind enorm wichtig, denn dort passiert das wahre Leben“, betont Meißner. Jedoch müsse jeder selbst für sich einsehen, dass er ein Problem hat.

Kontakt zum Autor
k.mueller@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×