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Ganz schön klebrig: Das Harzen

Nur noch selten kann man in unseren Wäldern Kiefern mit den „Fischgräten-Lachten“ entdecken. [KT_CREDIT] FOTOS: Hartwig K. Neuwald
Nur noch selten kann man in unseren Wäldern Kiefern mit den „Fischgräten-Lachten“ entdecken. [KT_CREDIT] FOTOS: Hartwig K. Neuwald

VonHartwig K. Neuwald

Eine körperlich sehr schwere Arbeit brachte der DDR Devisen ein. Dabei wurden von Forstarbeitern unzählige Kiefern angezapft, um Harz zu gewinnen.

Neubrandenburg.Bügelschaber, Reißhobel, Tropfrinnenzieher – Klaus Landrock kennt jedes dieser Werkzeuge. Sie waren fast 20 Jahre lang seine Arbeitsgeräte mit denen er täglich im Wald unterwegs war, allein, bei jedem Wetter, schon früh am Morgen und spät am Abend bis zum Einbruch der Dunkelheit. Der 66-Jährige aus Johannisberg, heute ein Ortsteil von Galenbeck, war Harzer.
Noch vor 30 Jahren spielte die Ernte von Kiefernharz eine nicht unbedeutende Rolle bei der Nutzung der hiesigen Wälder. Überall in unserer Region konnte man damals die charakteristischen V-förmigen Rillenschnitte an den Stämmen der Bäume entdecken. In Deutschland war die Harznutzung bereits seit dem Mittelalter bekannt.
Die intensive Harzung begann hier aber erst 1915 aus der Not des Ersten Weltkrieges heraus, als der Import wichtiger Harzprodukte durch die Seeblockade der Alliierten unmöglich wurde. Einen weiteren Höhepunkt erlebte die inländische Harzgewinnung dann im faschistischen Deutschland.
So errichtete die damalige Regierung 1940 ein „Reichsharzamt“, das die Gewinnung und Verarbeitung des Rohstoffes Harz im Rahmen der Kriegswirtschaft steuerte und plante. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Ostdeutschland die zentralisierte Harzgewinnung fortgesetzt. In der DDR waren es vor allem Devisen-Gründe, die zur Intensivierung der Harzung führten. Keine Kiefer über 80 Jahre sollte gefällt werden, die nicht vorher geharzt wurde. So gewann man aus den Wäldern jährlich etwa 12000 Tonnen Harz, 1961 sogar 15000 Tonnen.
Das Rohharz aus dem Bezirk Neubrandenburg gelangte bis Ende der 1970er Jahre ins SIDO-Werk Torgelow. Dort wurde daraus Kolophonium und Terpentin als Rohstoff für die Industrie gewonnen. Später wurde die Verarbeitung zentralisiert und erfolgte im VEB Pechsiederei Eich im Vogtland.

Im Winter wurden
die Stämme „gerötet“
KlausLandrock erinnert sich: „Die Arbeit des Harzens war körperlich recht schwer und sehr monoton, für mich aber trotzdem interessant, weil ich im Kontakt mit der Natur war.“ Nachdem der Förster die zu harzenden Waldbestände zugewiesen hatte, begannen die Harzer bereits im Winter mit den Vorbereitungen. Bei Minustemperaturen wurden die Kiefernstämme „gerötet“. Dazu wurde mit einem Bügelschaber die grobe Borke an einem Bereich des Stammes entfernt. Auf der so entstandenen Lachte sollten später die Schnittrillen angebracht werden. Das eigentliche Harzen mit dem „Reißen“ begann im April. Zuerst wurde in der Mitte der Lachte eine senkrechte Tropfrinne gezogen. Unterhalb dieser Rinne wurde ein Harztopf befestigt, der das austretende Kiefernharz auffing. In den folgenden Wochen wurden mit dem Harzhobel beiderseits der Tropfrinne schräg verlaufende Schnittrillen, die „Risse“, angebracht, die den Lachten das typische Fischgrätenmuster gaben.
„Eine erfolgreiche Harzernte war nur nach einer guten Vorbereitung möglich“, erzählt Klaus Landrock. „Scharfes Werkzeug, gewissenhaftes Arbeiten, aber auch Erfahrungen, die man während seiner Arbeit sammelte, entschieden über Qualität und Leistung.“ Während der Ernte wurde jede Woche auf der Lachte ein neuer Riss angelegt. Da ein Harzer durchschnittlich 3000 bis 3200 Bäume zu reißen hatte, legte er während seiner Arbeit große Strecken zu Fuß zurück.
Über das Spezielle seiner Tätigkeit weiß Klaus Landrock zu berichten: „Für viele Kollegen war die Einsamkeit während der Arbeit ein großes Problem. Außerdem musste man seine Arbeitsabläufe selbst planen und organisieren und alle Probleme selbstständig lösen. Manchem fehlte da einfach jemand zum Reden.“ Trotz des relativ guten Verdienstes und der freien Zeiteinteilung gab es deshalb nur wenige, die sich für eine Tätigkeit als Harzer begeisterten.

Den Rekord hielt
eine Neustrelitzerin
KlausLandrock war einer von ihnen. Trotz der schweren Arbeit war er gern im Wald. „Bei dem Problem sich ständig selbst zu motivieren, half der innerbetriebliche Wettbewerb“, erzählt er. „Der spornte an, entsprechende Leistungen wurden mit Prämien belohnt.“ Durchschnittlich erntete ein Harzer damals acht bis neun Tonnen Rohharz pro Saison.
Den Rekord erreichte eine Kollegin aus dem Forstwirtschaftsbetrieb Neustrelitz, als sie 24 Tonnen Harz ablieferte. Die einseitige Arbeit der Harzer gehörte übrigens zu den körperlich schwersten in der Forstwirtschaft. Während das „Reißen“ meist von Männern ausgeführt wurde, kamen beim „Schöpfen“, dem Entleeren der Harztöpfe und dem Umfüllen in Eimer und Fässer, auch Frauen zum Einsatz. Die langjährige Beschäftigung führte bei vielen zu gesundheitlichen Problemen, die als Berufskrankheit anerkannt wurde. Neben Sehnenscheiden-Entzündungen waren das vor allem Allergien und Hauterkrankungen, und die traten auf durch den ständigen Kontakt mit dem Harz und den Kiefernpollen.

Wenige Harz-Kiefern
stehen noch
Diejährlich in der DDR gewonnene Menge Rohharz von etwa 12000 Tonnen entsprach einem Anteil von einem Prozent der Weltproduktion. Die staatlichen Forstwirtschaftsbetriebe im ehemaligen Bezirk Neubrandenburg gehörten damals zu den führenden Harz-Produzenten Ostdeutschlands. Dies zeigen zum Beispiel die Planziffern für Rohharz von 1988: Neustrelitz 410 t, Templin 410 t, Torgelow 372 t, Waren 202 t und Malchin 111 t.
Als 1990 die Harzgewinnung in der DDR eingestellt wurde, standen noch über
21000 Hektar Kiefernbestände in Harzung. Inzwischen musste der größte Teil dieser Bestände jungen Aufforstungen weichen. Heute findet man in den Wäldern Mecklenburg-Vorpommerns nur noch selten einzelne Kiefern, die die typischen Harz-Lachten aufweisen. Es sind die letzten Zeugnisse eines fast 100 Jahre alten Verfahrens zur Gewinnung von Kiefern-Harz. Mittlerweile gibt es indes wieder Überlegungen. Eine künftige Gewinnung von Kiefernharz durch neue Technologien wird nicht ausgeschlossen.

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