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Patienten ärgern sich krank über ihre Kassen

Die Auseinandersetzung mit einem ganzen Wust an Papierkram kann Gunnar van der Pütten nicht mehr abschrecken. Seit Jahren kämpft der Schlaganfallpatient mit seiner Krankenkasse um die Zahlung von Reha-Maßnahmen und Therapiemethoden.  FOTO: r. kiesel
Die Auseinandersetzung mit einem ganzen Wust an Papierkram kann Gunnar van der Pütten nicht mehr abschrecken. Seit Jahren kämpft der Schlaganfallpatient mit seiner Krankenkasse um die Zahlung von Reha-Maßnahmen und Therapiemethoden. FOTO: r. kiesel

Von unserem Redaktionsmitglied
Robert Kiesel

Krankenkassen sind Dienstleister ihrer Versicherten, zumindest theoretisch. In der Praxis treffen sich beide Parteien immer wieder vor Gericht. Für die Kassen geht es dabei in erster Linie um Geld, für die Patienten um Zeit.

Leopoldshagen/Greifswald.Gunnar van der Pütten ist keiner, der einfach aufgibt. Erst recht nicht, wenn es um Streitereien mit seiner Krankenkasse geht. Etliche dieser hat er schon ausgefochten, nachdem eine Hirnblutung vor elf Jahren seine linke Körperhälfte lähmte, ihn zum „Kostenfaktor“ werden ließ. Und doch ist das jüngste Urteil des Neubrandenburger Sozialgerichts dazu geeignet, den 35-Jährigen verzweifeln zu lassen. Dreieinhalb Jahre nach Prozessauftakt entschied das Gericht gegen den Kläger und für dessen Krankenkasse, die van der Pütten die Bezahlung einer Therapiemaßnahme zum Gesichtsfeldtraining verweigerte. Und das, obwohl der unabhängige Gutachten zum medizinischen Nutzen vorlegen konnte. Der Streitwert von 450 Euro indes dürfte durch die angehäuften Prozesskosten um ein Vielfaches übertroffen worden sein.
Nichts Neues für den Greifswalder Rechtsanwalt Mark Kischko. Er war im Fall van der Pütten nicht beteiligt, vertritt aber regelmäßig Versicherte vor Sozialgerichten und spart nicht mit Kritik an den Kassen. „Zunächst einmal werden die Entscheidungen vom Schreibtisch weg getroffen, ohne Untersuchung des Einzelnen.“ Zudem komme es ihm teilweise vor, als wenn „die Kassen auch einfach mal nein sagen wollen, auf Zeit spielen“, wie es Kischko nennt. Hintergrund: „Jeder Monat, der nichts kostet, ist ein gewonnener Monat.“
Auf der Verliererseite stehen die Versicherten. „Jede Woche, jeder Tag ohne spezielle Maßnahmen ist ein verlorener Tag“, erklärt Gunnar van der Pütten. Schließlich geht es für ihn und andere nicht einfach nur um den Erhalt des Status Quo, sondern um Verbesserungen. In seinem Fall hatte der Großvater die 450 Euro vorgeschossen, „da meine Rente die Bezahlung eines größeren Betrages nicht zulässt.“ Auch das kein Einzelfall, wie Mark Kischko bestätigt. Bei Richtgrößen für Medikamente beispielsweise geht es mitunter um wenige Euro, wegen denen die Kassen dann keine Leistungen zahlen. „Wer da nicht wirklich hinterher ist, hat erheblich geringere Chance“, so der Rechtsanwalt. Auch bei Krankenkassen herrsche das „Aktenprinzip“. Derjenige, dessen Akte immer weiter nach unten rutsche, habe nur wenig Chancen. „Druck ist ein wichtiger Baustein zum Erfolg“, sagt Kischko dazu. Gerade alte, kranke oder behinderte Menschen blieben oft auf der Strecke. Ihnen wie auch Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern stehen aber Beratungshilfen zu, die bei der effektiven Umsetzung ihrer Anliegen helfen. Generell aber rät Kischko: „Vor oder neben der Klage immer einen neuen Antrag aufgrund verschlechterter Umstände stellen, das geht immer schneller als die Gerichte handeln.“ Zu negativ will aber auch Mark Kischko die Krankenkassen nicht dargestellt wissen. „Selbst im europäischen Kontext klagen wir auf extrem hohen Niveau, viele Dinge klappen sehr gut, auch wenn die Einzelfälle teilweise dramatisch sind.“
Eine Einschätzung, die Florian Lanz, Pressesprecher beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), wohl unterschreiben würde. Zwar räumt auch er ein, dass „Dinge im Einzelfall sicher schneller gehen könnten, gegen eine systematische Verschleppungstaktik wehre ich mich aber entschieden“, sagt Lanz. Bei der Frage nach nicht gewährten Medikamenten schiebt er die Verantwortung auf Hersteller und Gesetzgeber. „Schließlich gilt für uns ein festgesetzter Höchstbetrag für Medikamente, mehr dürfen wir laut Gesetz nicht bezahlen.“ Über allem stehe aber das Prinzip der Wirtschaftlichkeit, „schließlich arbeiten wir mit dem Geld unserer Beitragszahler.“

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