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Plötzlich schlauchen die Nächte

Anna-Maria Teske von derHanno-Günther-Schule in Ferdinandshof gehört zu denen, die ausprobieren wollen, wie so eine Baby-Bedenkzeit ganz praktisch aussieht. Auch Paul Grünzner wird für ein Wochenende voll für ein Simulatorenbaby verantwortlich sein. Beide Schüler hoffen, wertvolle Erfahrungen sammeln zu können
Anna-Maria Teske von derHanno-Günther-Schule in Ferdinandshof gehört zu denen, die ausprobieren wollen, wie so eine Baby-Bedenkzeit ganz praktisch aussieht. Auch Paul Grünzner wird für ein Wochenende voll für ein Simulatorenbaby verantwortlich sein. Beide Schüler hoffen, wertvolle Erfahrungen sammeln zu können

VonLutz Storbeck

Selbst ein Kind auf dem Arm halten, das eigene vielleicht? Für junge Menschen so um die 15 kaum vorstellbar. Oder doch? Immerhin gibt es etliche ganz junge Mütter. Zwei Fachfrauen vom
Roten Kreuz haben sich des Themas angenommen und geben ihr Wissen, ihre Erfahrungen an junge Leute weiter. Und da geht es nicht nur ums Kinderkriegen.

Ferdinandshof.Es bringt sechs Pfund auf die Waage, es schreit los, es muss gewindelt, gefüttert, beruhigt, auf den Arm genommen werden. So wie ein richtiges Kind auch. Aber es ist eben kein Lebewesen, sondern ein „Simulator“, betont Annika Wilß. Fünf solcher Simulatoren – rein äußerlich sehen sie aus wie Säuglingspuppen – hat die Fachfrau bei sich, und die liegen vorerst noch auf einem der Tische in der Ferdinandshofer Regionalschule. Denn zunächst, sagt Annika Wilß, geht es um die Theorie.
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Birgit Rositzky will sich die junge Frau dem Thema „Baby-Bedenkzeit“ von möglichst vielen Seiten nähern. Und dabei solche Fragen wie Lebensplanung, Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft mit den jungen Leuten so um die 15, 16 Jahre möglichst ausführlich besprechen. Da können die beiden DRK-Mitarbeiterinnen nicht nur aus Büchern, sondern aus dem prallen Leben berichten, denn beide arbeiten unter anderem in der Schwangerenberatungsstelle des DRK in Pasewalk.
„Das interessiert die Schüler. Sie haben zwar schon in der Grundschule mal etwas über Aufklärung gehört, waren damals aber wahrscheinlich nicht so sehr an dem Thema interessiert. Das ist jetzt anders“, sagt Annika Wilß. Das ist auch deutlich zu sehen, als die kleine Gesprächsrunde – sechs Mädchen, ein Junge, die beiden DRK-Frauen und Schulsozialarbeiterin Elke Martin – sich über Lebensplanung unterhält.
„Es gibt aber noch viel mehr, was zum Thema gehört. Unter anderem, welche Schäden Alkohol in der Schwangerschaft anrichten kann. Oder wie es zu einem Schütteltrauma beim Baby kommen kann“, sagt Annika Wilß. Darüber kann sie nicht nur berichten, sondern das an einem der Simulatoren auch ganz genau zeigen. Denn der Kopf eines der Kunst-Babys ist so gebaut, dass gut zu erkennen ist, was bei heftigem Schütteln mit dem Gehirn passiert.
Die anderen Simulatoren verbergen ebenfalls jede Menge Technik in ihren Körpern. „Es sind richtige Computer, da wird alles registriert und aufgezeichnet“, erklärt die DRK-Frau. Natürlich erst, wenn so ein Simulator aktiviert wird. Dazu gibt es ein Steuergerät, das ein Programm in Gang setzt. Und das bedeutet, dass der Simulator sich dann fast so wie ein richtiges Baby verhält und zum Beispiel auch mitten in der Nacht „fürchterlich schreien kann“, wie Annika Wilß sagt.
All das müssen jene Eltern auf Zeit aushalten, die so einen Baby-Simulator für vier Tage und drei Nächte in ihre Obhut nehmen. Den Simulator dann einfach in dieser Zeit nur im Kinderwagen ablegen? Das geht nicht. „Es wird genau aufgezeichnet, wie sich um das Kind gekümmert wird. Wann die Windeln gewechselt werden, wann es auf den Arm genommen oder auch gefüttert wird“, sagt Annika Wilß.
Für die Zeit, in der die Schüler die Schulbank drücken, werden die Aufzeichnungsgeräte allerdings angehalten. Dafür aber läuft die Computertechnik dann das gesamte kommende Wochenende über. „Und das kann dann ganz schön stressig werden“, sagt die DRK-Mitarbeiterin.
Die Jugendlichen finden, dass besonders die möglichen nächtlichen Schlafunterbrechungen „schlauchen“. Das geht aus den Fragebögen hervor, die vor und nach der Zeit mit dem Simulator ausgefüllt werden. Bemerkenswert sei auch, dass sich nach den ersten „Baby-
erfahrungen“ viele junge Leute noch einmal genau überlegen, wann sie ihr erstes Kinde bekommen wollen. „Meist verschiebt sich das ein paar Jahre nach hinten“, sagt Annika Wilß. Eines sei ebenfalls bemerkenswert: bei den praktischen Babytests schneiden die jungen Männer meistens besser ab, was die Fürsorge für das Baby betrifft.
Anna-Maria Teske aus der 7a der Hanno-Günther-Schule in Ferdinandshof gehört zu der kleine Gruppe und will Erfahrungen sammeln, wie es mit einem Baby sein könnte. Dass es ein ganz anderer Tagesablauf sein wird, ist ihr durchaus bewusst. Und auch Paul Grünzner, der einzige Junge in der Runde, ist schon gespannt darauf, was die kommenden Tage wohl so bringen werden. Vielleicht ja ein wenig Entscheidungshilfe dafür, wann er ein Kind in sein Leben einplanen möchte. „Vielleicht erst nach einer Ausbildung“, sagt er. Vorerst jedoch hören beide zu, was die DRK-Mitarbeiterinnen noch an Tipps und Ratschlägen parat haben, bevor es dann an den praktischen Teil geht, bei dem die Mädchen und der Junge dann nahezu auf sich allein gestellt sein werden.
Seit etwa zwei Jahren sind die beiden DRK-Frauen mit dem Präventionsprojekt „Baby-Bedenkzeit“ auf Tour durch die Region und waren unter anderem in Pasewalk, Strasburg und Ueckermünde zu Gast bei jungen Leuten.
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l.storbeck@nordkurier.de

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