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Warum Bitterfeld jetzt am Haff und eine Leiche am Strand liegt

Regisseurin Ronja, Schülerin des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums, machte ihre Sache richtig gut. Auch wenn sie beim Dreh vor so manche Herausforderung gestellt wurde.
Regisseurin Ronja, Schülerin des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums, machte ihre Sache richtig gut. Auch wenn sie beim Dreh vor so manche Herausforderung gestellt wurde.

VonStefanie Peters

Was für ein tolles Projekt! Schüler des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums haben einen Kurzfilm gedreht.
Und zwar eine Fortsetzung
für den erfolgreichen deutschen Kinofilm
„Kriegerin“. Eine Herausforderung. Aber die Mädchen und Jungen haben sich für ihren Film so richtig ins Zeug gelegt.

Ueckermünde.Eigentlich begann die ganze Geschichte mit einer Enttäuschung. Im November vergangenen Jahres mussten Schüler des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums beim Besuch des erfolgreichen deutschen Kinofilms „Kriegerin“ auf die geplante Anwesenheit des Regisseurs David Wnendt verzichten und blieben mit ihren zahlreichen Fragen zur Idee und Umsetzung des beeindruckenden Films um die rechtsradikale Marisa allein. Nichtsdestotrotz nutzten Elftklässler im Rahmen des Sozialkundeunterrichts die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen und kreativ tätig zu werden. „Zunächst war es nur eine der üblichen Begleitaufgaben zum Kinobesuch,“ erzählt Marie von den Anfängen eines ziemlich spannenden Projekts. „Wir sollten die Handlung zu einer Fortsetzung des Films schreiben und uns überlegen, wie es nach dem gewaltsamen Tod der Hauptdarstellerin Marisa mit der zweiten weiblichen Rolle Svenja weitergehen könnte.“ Dabei kamen zahlreiche interessante Ideen auf den Tisch, die letztendlich zu schade für die Schublade waren. So entschloss sich der Sozialkundekurs, die Gedanken in einem Drehbuch zusammenzufassen und dieses dann auch filmisch umzusetzen. Erfahrung im Bereich Film hatte zu diesem Zeitpunkt lediglich der Kunstlehrer Ralf Manteufel, der sich in Weiterbildungen mit Kameraführung und Filmschnitt befasst hatte. Alle anderen waren pure Laien, aber voller Tatendrang und Leidenschaft für ihre Idee.
Während die Schüler an einem ersten Projekttag stundenlang an einer überzeugenden Geschichte, an Kameraeinstellungen und Ausstattung sowie Kostümen des Kurzfilms arbeiteten, fieberten sie eigentlich der Umsetzung entgegen. Dazu mussten Rollen besetzt und Drehorte gefunden werden. Bei der Auswahl der Laienschauspieler hatte Regisseurin Ronja nicht wirklich viel Auswahl, da sich viele ihrer Mitschüler lieber als Statisten und hinter der Kamera im Hintergrund halten wollten. Für Tom und Marie war die Hemmschwelle zum Schauspieler am geringsten und sie übernahmen die Hauptrollen als Neonazi Sandro und als Svenja, die in die Szene hineingeraten war und den Mord an Marisa live miterleben musste.
Vergangenen Donnerstag zog die schulische Filmcrew ihre Kreise durch Ueckermünde. Die Dreharbeiten begannen am alten Strand, wo die Schüler die ziemlich echt aussehende Leiche Marisas, alias Jennifer, postierten und die Geschichte ihren Lauf nehmen sollte. Insbesondere die Kamerafrauen Lena und Aylin hatten da so ihre Probleme, denn gleichzeitig zu den Aufnahmen dröhnten die Motorsägen des Bauhofes. „Ausgerechnet heute müssen die die Bäume sägen,“ stöhnt die Regisseurin. Weiter ging der Dreh dann am Ortseingangsschild von Ueckermünde, das mal eben kurz in Bitterfeld-Wolfen umfunktioniert wurde, und anschließend in der Ispericher Straße 5. „In der reichlich heruntergekommenen Wohnung wirkte unsere Geschichte um eine Nazitruppe unglaublich authentisch, auch in unseren Klamotten wirkten wir real“, ist Tom noch immer beeindruckt von dem Umfeld. „Irgendwie mitten im Leben. So habe ich mir deren Treffpunkt vorgestellt,“ ergänzt Hannes. Möglich wurde dieses Dreherlebnis durch die Unterstützung der Ueckermünder Wohnungsbaugesellschaft. Deren Chef Roman Gossow war bei der Drehort-Anfrage zwar etwas verdutzt, zögerte aber keine Sekunde und bot dem Kurs eine leergezogene Wohnung an. Die zum Teil älteren Bewohner des Blocks waren ziemlich verwirrt beim Anblick der düsteren Gestalten, der dröhnenden Musik und den vielen Kameras. Immer wieder dirigierte Ronja ihr Filmteam an die notwendigen Positionen, Dialoge mussten wiederholt, Kameras neu postiert werden. Zum Mittag wurde es dann wieder spießiger und aufgeräumter, denn der Tross zog in eine gepflegte Wohnsiedlung, in der die Geschichte ihren tragischen Höhepunkt erleben sollte. Auch hier stießen die Schauspieler an ihre Grenzen, denn wer hatte schließlich schon mal einen Menschen erschossen oder war umgebracht worden. Keiner. „Wie guckt man da, wie bewegt man sich?“ Fragen, die Marie in diesem Moment umtrieben. Angriff auf den Vater, die Aufforderung Sandros, ihn zu beseitigen, ein Schuss, Sandro fällt zu Boden, die Nazis kommen rein, umzingeln sie, schubsen, treten, aus. Ziemlich anspruchsvoll für eine Debütantin. Sie endet im Gefängnis, dem Schlagzeugraum im Keller der Musikschule, es ist dunkel, spartanisch, grau und sie schreibt einen Brief. Mit den gestellten Tränen aus der Pipette hat Hannes zwar so seine Probleme, aber Ronja ist zufrieden, ihr Script ist zu Ende. Ein großes Stück Arbeit wartet nun am Computer. Szenen müssen sortiert und geschnitten, Musik und Ton optimiert und Übergänge geschaffen werden. Dem widmet sich nun vor allem Ralf Manteufel, der als Motivator und Hinweisgeber fungiert. Gemeinsam nehmen sie dann den Kampf mit dem Schnittprogramm auf. Fertig ist der Debütfilm des Sozialkundekurses noch nicht, aber wenn, wird es eine Premierenfeier inklusive Uraufführung geben, da sind sich die Schüler einig. „Ich freue mich schon, wenn wir dann bei den Oscars über den roten Teppich laufen,“ wagt Hannes einen nicht ganz ernst gemeinten Blick in die Zukunft. In Los Angeles wird man wohl noch nichts aus Ueckermünde hören, aber bei deutschen Wettbewerben werde man den Film garantiert einreichen.

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