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Alles auf Null, das Finanzamt ist da!

Die Spielbank Heringsdorf ist das älteste Casino Mecklenburg-Vorpommerns. Frack und Zylinder sind jedoch keine Mindestvoraussetzung, um hier eintreten zu dürfen.  FOTOs: Jörg Döbereiner
Die Spielbank Heringsdorf ist das älteste Casino Mecklenburg-Vorpommerns. Frack und Zylinder sind jedoch keine Mindestvoraussetzung, um hier eintreten zu dürfen. FOTOs: Jörg Döbereiner

Vorpommern schläft nicht! Rund um die Uhr sind die Menschen auf den Beinen – und wir bleiben 24 Stunden wach, um sie für jeweils eine Stunde zu begleiten.
Von 21 bis 22 Uhr hat
unser Redaktionsmitglied
Jörg Döbereiner in der Heringsdorfer Spielbank
am Roulette-Tisch Platz genommen.

Heringsdorf.James Bond, Robert de Niro und Las Vegas, fantastische Glückspilze und gescheiterte Spieler-Existenzen – das ist mein Casino-Klischee. Heute Abend ist es soweit, ich fordere das Glück heraus, baue mein Klischee ab und besuche das älteste Casino Mecklenburg-Vorpommerns in Heringsdorf.
Ich betrete die hohe Halle im Kassenbereich und überwinde damit schon die erste Hürde – die passende Kleidung. Weder Frack noch Zylinder, aber „gehobene Freizeitkleidung“ ist in der Spielbank vorgeschrieben. Die zweite Hürde dauert etwas länger: Mitarbeiterin Marion Oesterheld prüft anhand meines Personalausweises, ob ich bereits in der Sperrdatei für Spielsüchtige erfasst bin. Nicht selten bitten Spieler zum Schutz vor sich selbst darum, in diese Datei aufgenommen zu werden. Für sie ist an der Kasse Endstation, Als Erst-Spieler komme ich ohne Probleme durch.
Zu meiner Linken lockt eine Reihe bunt blinkender Spielautomaten, das Interesse gilt aber dem Bereich rechts: Der Saal, in dem die Kugel rollt. Gemeinsam mit etwa einem Dutzend vornehmlich älteren Herrschaften setze ich mich an einen der beiden Roulette-Tische und lausche der „Einführung ins Glücksspiel“, die Croupier Daniel – ganz klassisch in weißem Hemd und schwarzer Weste – gibt. Ich lerne, welche Möglichkeiten es gibt, seine Chips auf die Zahlen von 0 bis 36 zu setzen – und dass in diesem kleinen Satz schon zwei Fehler stecken. Denn erstens heißt es nicht „Chips“, sondern „Jetons“. Und zweitens nicht „Null“, sondern „Zero“.Ich habe mir vorgenommen, zu den fünf Ein-Euro-Jetons, die man beim Eintritt kauft, noch 15 hinzu zu kaufen. Wie viel davon wohl am Ende der Stunde noch übrig sein wird? Ich setze vier Jetons auf Rot.
Meine Gewinnchance liegt bei nahezu fünfzig-fünfzig, denn die Hälfte der Zahlen von eins bis 36 ist rot. Fällt die „Zero“ oder Schwarz, verliere ich. Die Aufregung steigt, als die kleine weiße Kugel um die Zahlen im „Kessel“ flitzt. „Nichts geht mehr“, verkündet der Croupier, dann landet die Kugel zielstrebig auf einem schwarzen Feld. Nun gut, aller Anfang ist schwer.
Ich bin etwas vorsichtiger und setze zwei Jetons auf die Zahlen von eins bis zwölf, Gewinnchance etwa ein Drittel. Dann fällt die 14. Für mich bedeutet das: Die Hälfte meines Einsatzes ist schon nach kürzester Zeit futsch. Neben mir spielt ein offenbar frisch verheirateter Ehemann mit seinem Trauzeugen. Die beiden zocken wesentlich waghalsiger als ich, und scheinen Erfolg damit zu haben: Vor ihnen stapeln sich die Jetons. Am Kopfende des Tisches fällt mir eine ganz in Schwarz gekleidete, seltsam unbeteiligte Frau auf. Eine Angestellte der Bank? Sie löst das Rätsel mit einem trockenen Kommentar: „Ich bin das Finanzamt.“ Was mich überrascht, ist bewährte Praxis: Stichprobenartig kontrolliert die Behörde das Spiel und achtet darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
Ich nehme einen neuen Anlauf und setze vier Jetons auf Rot. Wieder fällt Schwarz. Ich setze zwei Jetons auf alle ungeraden Zahlen, die Kugel landet auf einer geraden Zahl. Mein Vorrat an bunten Plastikscheibchen ist auf vier geschrumpft. Noch einmal setze ich zwei auf alle ungeraden Zahlen und siehe da: Zum ersten Mal verdoppelt sich mein Einsatz! Es geht doch. Am Ende der Stunde sind von den anfänglichen 20 noch sechs Jetons übrig. Das ist ein Ergebnis, mit dem ich leben kann. Schließlich bin ich nicht James Bond.

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