Nordkurier.de

Beim Frühstück mit 15 Damen

„Nummer 57“ posiert vor der Kamera. Die Tiere haben ein schönes Leben: Acht Stunden Fressen, acht Stunden Wiederkäuen und acht Stunden Schlafen.[KT_CREDIT] FOTOs: jörg döbereiner
„Nummer 57“ posiert vor der Kamera. Die Tiere haben ein schönes Leben: Acht Stunden Fressen, acht Stunden Wiederkäuen und acht Stunden Schlafen.[KT_CREDIT] FOTOs: jörg döbereiner

Vorpommern schläft nicht! Rund um die Uhr sind die Menschen auf den Beinen – und wir bleiben 24 Stunden wach, um sie für jeweils eine Stunde zu begleiten.
Von acht bis neun Uhr hat unser Redaktionsmitglied
Jörg Döbereiner 15 Küheauf dem Bio-Hof in Benz auf Usedom beim Frühstück begleitet. Die Tiere haben ein schönes Leben, findet der Reporter im Nachhinein.

Benz.Es ist ein klarer, herrlich sonniger Morgen im März, als ich mich zwischen frostweißen Wiesen auf den Weg auf die Insel Usedom mache. Das Wetter passt zum Anlass, schließlich bin ich zum Frühstück eingeladen, bei nicht weniger als 15 Damen im besten Alter! Als ich kurz hinter dem Ortsschild von Benz auf einen holprigen Feldweg einbiege und schließlich ein weißes Gittertor passiere, erwarten mich aber zunächst zwei Männer. Bio-Bauer Paul Jahnel und sein Mitarbeiter Manfred Maskow begrüßen mich in Jeans und Gummistiefeln.
Paul Jahnel nimmt mich mit zu den Damen, und noch bevor ich sie sehe, kann ich sie schon hören. Ein gedämpftes Muhen dringt aus dem Kuhstall nebenan. 15 Milchkühe von der Rasse Gelbvieh stehen dort in zwei Reihen und futtern das zweite Frühstück, das erste gab es schon um halb sechs. Auf gesunde Ernährung wird streng geachtet: Die Kühe bekommen nur Heu und Kraftfutter, später im Jahr dann auch Gras und Getreideschrot mit Mineralstoffen. „Das Gras gibt auch die beste Milch für den Käse“, sagt Paul Jahnel. Das ist wichtig – denn die Milch der Damen geht an die Insel-Käserei, wo auf Qualität Wert gelegt wird.
Während die Damen fressen, kraulen Paul Jahnel und ich sie hinter den Hörnern. Der Bio-Bauer hat seinen eigenen Hof in Labömitz, ein Mischbetrieb mit Ackerfläche – vor allem Roggen – und Weideland. Die Damen in Benz gehören eigentlich gar nicht ihm, sondern seiner Tochter Theresa, die aber zur Zeit beruflich in Bremen unterwegs ist. Also versorgt Paul Jahnel die Tiere mit. Denn nicht nur die Damen frühstücken, auch das Dutzend zweijährige Bullen im hinteren Teil des Stalles bekommt seinen Teil Kraftfutter ab. Und eine Schubkarre geht an „Levi“ und „Desert Storm“, die beiden braunen Hengste der Jahnels.
„Hopp!“, ruft Paul Jahnel, und die Damen trotten eine nach der anderen aus dem Stall ins Freie. Ein paar Meter weiter hat Manfred Maskow mit dem Trecker schon Heu aufgeschüttelt. Die Damen wissen: Das ist wieder für sie. Das dritte Frühstück. „Wenn es ihnen richtig gut geht, fressen sie acht Stunden, käuen acht Stunden wieder und schlafen acht Stunden“, sagt Paul Jahnel. Was für ein Leben!
Zurzeit kalben die Kühe,
also verzichtet der Landwirt auf das Melken, um ihre Euter zu schonen. Drei Kälbchen sind schon geboren, die anderen folgen in den kommenden Wochen. Im Umgang mit den Kälbern zeigen sich die unterschiedlichen Temperamente der Damen, die nach den Nummern im Ohr benannt sind. Nummer 69 ist sehr mütterlich, will ihr Kleines immer bei sich haben. Nummer 57 dagegen kümmert sich erst einmal um das Heu, später um den Nachwuchs. Dafür zeigt sie sich äußerst fotogen und flirtet hemmungslos mit der Kamera.
Neun Uhr schlägt die Stunde, es wird Zeit, die Damen zu verlassen. Zum Abschied lädt mich Paul Jahnel tatsächlich noch zu einem „echten“ Frühstück ein. Leider kann ich das nette Angebot nicht annehmen, denn anders als die Damen habe ich heute nämlich noch zu arbeiten.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×