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Als Rindviecher die Straßen eroberten

Kühe auf der Straße. Das war früher keine Seltenheit in Penzlin. Das Bild stammt aus der Sammlung von André Aug.
Kühe auf der Straße. Das war früher keine Seltenheit in Penzlin. Das Bild stammt aus der Sammlung von André Aug.

So mancher Penzliner ging früher einem bodenständigen Nebenberuf nach. Susan Lambrecht vom Arbeitskreis Stadtgeschichte berichtet aus dem Alltag der Ackerbürger.

Penzlin.In vielen Penzliner Häusern gibt es breite Tordurchfahrten, durch die bequem ein voll beladenes Pferdefuhrwerk fahren konnte. Auch Hinterhöfe mit Ställen gehören zu fast jedem Penzliner Haus. Dies alles zeugt davon, dass Penzlin wie viele mecklenburgische Kleinstädte von Ackerbürgern bewohnt wurde. Noch Anfang der 1930er-Jahre waren 72 Ackerbürger in Penzlin registriert. Damit wurde jedes fünfte Penzliner Haus von Ackerbürgern bewohnt und bewirtschaftet. Diese betrieben in der Stadt ein Handwerk oder ein Gewerbe und besaßen landwirtschaftliche Flächen in der Umgebung von Penzlin, die sie als Nebenerwerb bewirtschafteten. Eine solche Wirtschaftsweise konnte, wenn das jeweilige Gewerbe einmal nicht florierte, das Überleben auch in Notzeiten sichern.
In den 1920er-Jahren hatten sich in der Stadt, in der neu gebauten Warener Chaussee, auch Bauern niedergelassen, deren Gehöfte mit großen Stallungen und Scheunen bebaut waren. Gleich hinter den Grundstücken der Warener Chaussee befinden sich noch heute große Gärten.
In der Penzliner Stadtfeldmark befanden sich Viehweiden, die von den Ackerbürgern gemeinschaftlich genutzt wurden. Als kulturgeschichtliches Relikt aus jener Zeit sind noch Flurnamen wie „Kälberkoppel“ oder „Bullenwisch“ bekannt.
Reinhard Piper, der spätere Gründer des Piper-Verlages, wurde 1879 als Sohn des Bürgermeisters Otto Piper in Penzlin geboren und verlebte hier die ersten zehn Jahre seiner Kindheit. Er beschreibt den täglichen Viehtrieb in Penzlin wie folgt:
„Penzlin war – und ist heute noch – eine Ackerbürgerstadt, das heißt die meisten Familien haben außer ihrem Handwerk oder ihrem kleinen Laden auch noch einen Acker vor der Stadt und Vieh in ihrem Stall hinter dem Haus. Diese vielen Tiere spielten im Leben der Stadt und auch in unserem Kinderleben eine wichtige Rolle. Morgens früh bliesen die Hirten – der Kuhhirt, der Ziegenhirt, der Schweinehirt, der Gänsehirt -, jeder zu seiner Zeit und jeder nur das ihm eigene Signal, worauf die Haustüren sich öffneten und brüllend, meckernd, grunzend, schnatternd sich das Vieh herausdrängte. Das sammelte sich dann in den Straßen und wurde vor der Stadt auf die Weide getrieben, jede Herde auf ihre besondere. Dies Austreiben am frühen Morgen haben wir Kinder nur selten erlebt. Da schliefen wir noch fest. Aber abends kamen die Herden ebenso zurückmarschiert. Eine Wolke von Tiergeschrei lag dann über der Stadt. Die Kinder standen schon bei den ersten Häusern bereit und passten ihre Haustiere ab. Die vernünftigen Kühe fanden aber alle ihre richtige Haustüre von selber, und es ergötzte mich immer, wie die breiten, schweren Tiere mit berstend vollem Euter die vier bis fünf Stufen zur Haustür hinauftrappsten und oben mit Mühe und Not sich durch die Tür zwängten, um im Innern des Hauses zu verschwinden. Unsere Akazien erfreuten sich bei den Kühen einer besonderen Beliebtheit. Fast alle nahmen die Gelegenheit wahr, sich an ihrem Stamm gründlich Hals und Rippen zu scheuern, und ließen dann unfehlbar gerade vor unserer Bank, auf der wir abendlich saßen, etwas Rundes, Grünes, Dampfendes fallen.“

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