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Archäologen-Legende und Märchen-Erzähler

Reinhard Witte zeigt eine Nachbildung der "Totenmaske des Agamemnon", eines der bekanntesten Fundstücke Schliemanns.  FOTO:dpa
Reinhard Witte zeigt eine Nachbildung der "Totenmaske des Agamemnon", eines der bekanntesten Fundstücke Schliemanns. FOTO:dpa

Der Archäologe Heinrich Schliemann scheidet bis heute die Geister in Wissenschaft und Kultur. In seinem Heimatdorf Ankershagen steht ein Zentrum der weltweiten Schliemann-Forschung. Mit dem Leiter des Museums Dr. Reinhard Witte sprach unser Redaktionsmitglied Carsten Schönebeck.
Fast 125 Jahr nach seinem Tod wird über Schliemann noch geforscht. Warum?
Schliemanns Leistung für die Altertumswissenschaft ist riesig. Aber er war eine widersprüchliche Person. Sein Nachlass ist gewaltig, so dass sein Leben bis ins Detail untersucht werden kann. Das wird noch Generationen von Forschern beschäftigen.

Wie detailliert kann man sein Leben nachzeichnen?
Er war schon zu Lebzeiten bekannt wie ein bunter Hund. Es gibt jede Menge Material über ihn und sein Leben, auch von Zeit- und Augenzeugen. Und Schliemann war ein ausgezeichneter „Werbefachmann“. Er hat sich selbst vermarktet. Vielleicht liegt darin auch sein großer Fehler.

Inwiefern?
Seine Selbstbiographie hat Kritiker auf den Plan gerufen. Er hat darin sein Leben geschönt und heroisiert. Den Kindheitstraum von Troja, über den er schreibt, hat es vermutlich nie gegeben. Seine Frau war bei der Auffindung des großen Goldschatzes gar nicht dabei. Vor Jahren haben Kritiker und Journalisten von einem pathologischen Lügner gesprochen!

Aber wie kann man diese Dinge heute überprüfen?
Es gibt zum Beispiel mehr als 60 000 Briefe von und an Schliemann, die der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Zwischen Äußerungen in Briefen und denen in Büchern und Aufsätzen gibt es oft Ungereimtheiten.

Warum ist seine Bedeutung für die Wissenschaft dennoch so groß?
Seine Entdeckungen sind von unschätzbarem Wert. Auch wenn wir heute wissen, dass er in seinem Eifer Fehler begangen hat. Und er hat die Archäologie populär gemacht. Auch in der einfachen Bevölkerung.

Wie das?
Das hatte sicher auch mit seiner extravaganten Persönlichkeit zu tun. Er kam aus einfachen Verhältnissen und stieg zum reichen Kaufmann auf. Schliemann hat sich im Grunde genommen alles im Leben selbst beigebracht. Viele Zeitgenossen haben ihn verlacht, weil sie glaubten Troja sei eine Legende. Ihn hat das nicht abgehalten, er hat ein Vermögen investiert um seiner Idee nachzugehen. Umso größer war sein Triumph als er die Überreste des homerischen Troja fand, wobei er sich allerdings in der archäologischen Schicht irrte.

Wie setzt man sich an seinem Heimatort mit dem Forscher auseinander?
Wir wollen hier an seine Leistungen als Archäologe erinnern. Wir zeigen natürlich auch seinen Lebensweg, der ihn ja quer durch die gesamte nördliche Halbkugel geführt hat. Seine menschlichen Schwächen sind für viele Besucher besonders interessant. Aber ich würde das öffentliche Bild gerne zu Gunsten seines eigentlichen Werkes verschieben.

Steht in Ankershagen das Bollwerk gegen die Kritik?
Nein, ganz so würde ich das nicht sehen. Aber ich bin dafür, dass man Schliemanns Leistung für die Wissenschaft von seinem persönlichen Leben trennt. Für mich ist er ein Mensch mit vielen Fehlern und Schwächen, aber seine Verdienste für die Wissenschaft überwiegen diese bei weitem. Diese Relation muss gewahrt bleiben.

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