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Auch ohne seine Glocke der schönste Platz auf Erden

Der alte Glockenturm in Woldzegarten läutete einst zum Schichtbeginn. Heute ist er verwittert.  FOTO: Sören Musyal
Der alte Glockenturm in Woldzegarten läutete einst zum Schichtbeginn. Heute ist er verwittert. FOTO: Sören Musyal

VonSören Musyal

Wohin man auch kommt in Woldzegarten, immer wieder trifft man auf Lilly Walter. Für die älteste Bewohnerin ist ihr Dorf der schönste Platz auf Erden. Der alte Glockenturm ist ihr allerdings ein Dorn im Auge. Und auch mit dem hängt irgendwie alles zusammen.

Woldzegarten.Den Gedanken, wegzuziehen, hatte Lilly Walter nie. „Schauen Sie sich doch um!“ Das Haus, das Feld – etwas Schöneres könne es für Sie nicht geben. Seit 83 Jahren lebt sie hier. Geboren und aufgewachsen in Woldzegarten, geboren und aufgewachsen im Haus hinter ihr.
Dass sich das Leben hier verändert hat, klar, das merke man. Den Konsum und die Post, die einst im Gutshof waren, gibt es nicht mehr. Zum Einkaufen sind die Älteren auf ihre Kinder oder den Versorgungswagen angewiesen. „Also die Versorgung klappt gut“, meint sie. Der Bäcker, der drei Mal die Woche komme, sei gar nicht schlecht und alle 14 Tage bimmelt der Tiefkühlkostverkäufer durch das lang gezogene Dorf. Mit der Zeit ging alles, was man so braucht und mit der Zeit kam es irgendwie wieder zurück – wenn auch anders.
„Die Zeit bleibt halt nicht stehen“, fasst die Woldzegartnerin zusammen. Selbst die Uhr, die einst den Tag der Dorfbewohner einteilte, ist inzwischen nicht mehr intakt. Recht trostlos mutet er an, der alte Glockenturm am Straßenrand. Dabei wäre die Erhaltung für den Ort so wichtig, meint Lilly Walter. Immerhin habe dieser mal den Takt angegeben, die Schichten der Feldarbeiter ein- und ausgeläutet. Heute sei er einfach verwittert. „Die Glocke ist zu DDR-Zeiten geklaut worden. Wo sie ist, weiß niemand.“ Und was mit dem Turm passieren soll, ebenso wenig. Vor zwei Jahren seien mal Leute gekommen und hätten ihn abgedeckt, aber die Folie sei inzwischen auch wieder verwittert. „Schade ist das.“ Wäre der alte Glockenturm neben dem Gutshof doch ein zweiter kultureller Höhepunkt.
Bis dahin aber bleibt nur der Gutshof – das Vier-Sterne-Hotel und Veranstaltungsort für Konzerte. „Für Woldzegarten ist der Gutshof gut“, sagt Walter. Auch oder obwohl hier ständig Jugendgruppen musizieren. „Jeden Tag das gleiche zu hören, ist schon schwierig manchmal.“ Alles in allem aber: Schön.
Doch als Treffpunkt für die Dorfbewohner taugt auch der Gutshof nicht. „Es gibt kaum Möglichkeiten sich zu begegnen.“ Daher könne sie auch gar nicht so viel über die vielen Zugezogenen sagen, so Lilly Walter. „Das wechselt ständig“, Alteingesessene wie sie gebe es kaum noch. Die, die kommen, seien aus der Stadt: ein Ehepaar aus Röbel, ein in Malchow praktizierender Arzt.
Dabei beschäftigt Lilly Walter durchaus die Frage, wer eigentlich noch auf dem Dorf leben will. Die Jugend Woldzegartens müsse wegziehen, weil der Gutshof der einzige Arbeitgeber sei. Und ohnehin sei das Verhältnis der Menschen zur Natur zerrüttet. Die Menschen hätte keine Zeit mehr, müssten ständig nach Arbeit suchen und mobil sein. „Wer kann da das hier schon noch wert schätzen?“, fragt sie. „Niemand.“ Niemand? „Schauen Sie sich doch um!“

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