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Bilder ganz nah beim Menschen

VonSilke Voß

Heimat ist schlicht und vielfältig zugleich. Was sie Werner Schinko bedeutet, zeigt eine sehenswerte Ausstellung des Grafikers
im Gutshaus Ludorf.

Ludorf.Heimat ist „da, wo man sich nicht erklären muß“, schreibt Johann Gottfried von Herder, und der amerikanische Lyriker Robert Lee Frost meint gewitzt wie treffend, das sei „der Ort, wo sie einen hereinlassen müssen, wenn man wiederkommt.“
Für den Grafiker Werner Schinko ist Mecklenburg die Heimat, inzwischen, obwohl in einem kleinen böhmischen Dorf geboren. „Mecklenburg ist auch mein Thema geblieben“, bekennt der Künstler. Und damit die Heimat.
„Heimat“, so lautet also der Titel einer sehenswerten Ausstellung im stillen Barocksaal des Gutshauses Ludorf. Schlicht ist der Titel, vielsagend zugleich. Weil dieses Wort für jeden etwas anderes beinhaltet, damit so vielfältig und doch so einfach zugleich ist: Manchmal einfach Erde, überall auf der Erde.
Herbe Ackerfurchen sind oft zu sehen in Schinkos Bildern, dessen weiten mecklenburgischen Himmel häufig Herbstkrähen zerfurchen. Schon über 80, beackert der Röbeler sein Thema mit Liebe und Distanz zugleich.
„Nur wenigen Künstlern ist es vergönnt, noch im hohen und höchsten Alter mit nahezu uneingeschränkter Energie ihrer Arbeit nachzugehen. Werner Schinko gehört zu ihnen“, würdigt der Kunsthistoriker Raimund Hofmann den beliebten Künstler. Dabei sei Schinko mit seiner künstlerischen Kraft „stets gleichermaßen bei der Sache, ob im privaten Auftrag oder im öffentlichen, ob minutiös ein Städteposter zeichnend oder einen Druckstock bearbeitend“. Schinkos breite Popularität hierzulande erklärt Hofmann damit, dass dessen Bilder nahe beim Menschen sind, weil er nahe bei ihnen ist. Auf seinen Vernissagen mischt er sich selbst unters Publikum, genießt die Stimmung und ist glücklich. Daraus schöpft er neue Kraft für seine Arbeit.
Von 1946 an lebt und zeichnet Schinko in Mecklenburg, seit 1964 in seinem lichten Atelier-Haus am Röbeler Weidehang. Seine Diplomarbeit schuf er just zum Thema „Kein Hüsung“ von Fritz Reuter. Liebevoll beobachtend und wachen Herzens nähert sich Schinko seinen Motiven – bevorzugt Röbeler Originale wie die Totenankleiderin und den Sargtischler. Den halbarmigen Stadtausrufer und Annie mit dem Häubchen, die die Mode von 1910 einfach weitergetragen hat. Und fixiert die windschiefen Fassaden der Häuser dieses Ackerbürgerstädtchens, die selbst Röbeler sein könnten: Jedes Steinchen, jedes Fenster scheint eine allzu menschliche Geschichte von seinen Pappenheimern zu erzählen. Und zusammen reihen sich die Leute wie deren Häuser mit ihren krummen Dachfirsten ein in ihre Stadt, die ihre nicht immer geradlinige, aber meist doch normale Lebensgeschichte ausmacht.
Schinko nähert sich seinem „geliebtem Röbel“ und dessen Bewohnern auch mit spitzzüngiger Feder und verschmitzter Distanz, die ebenfalls zu dieser Heimatliebe gehört. „Die wunderbare Welt des Werner Schinko“, wie eine Ausstellungsbesucherin schreibt, umfasst Städtebilder und Menschen wie auch die etwas spröden Landschaften aus Schinkos „neuer“ Heimat. Die Ausstellung, wo auch das Schinko-Lebensbuch „Bilder des Nordens“ zu haben ist, entstand mit Unterstützung der Röbeler Autoren-Galerie Radius.
„Ich bewundere Deine Kraft und Kreativität“, schreibt ein Bewunderer noch ins Gästebuch. Das liegt bis 31. August aus, wenn die „Heimat“ hier endet, im Gutshaus – das seit Jahrhunderten hier beheimatet ist.

Kontakt zur Autorin
s.voss@nordkurier.de

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