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„Die Leute warfen mit Tomaten“

Günther Krause bei einem Vortrag in Waren. Hätte man alle Regelungen „seines“ Einigungsvertrages auch mit Leben erfüllt, wäre es dem Osten lange nicht so schlecht gegangen, zeigt sich der Ex-Politiker überzeugt. [KT_CREDIT] FOTO: Thomas Beigang
Günther Krause bei einem Vortrag in Waren. Hätte man alle Regelungen „seines“ Einigungsvertrages auch mit Leben erfüllt, wäre es dem Osten lange nicht so schlecht gegangen, zeigt sich der Ex-Politiker überzeugt. [KT_CREDIT] FOTO: Thomas Beigang

VonThomas Beigang

Doch, den gibt es noch: Günther Krause, den Schmied des Einigungsvertrages zwischen Ost- und Westdeutschland. Der 59-Jährige reist umher und will sich sein Lebenswerk nicht kaputt machen lassen.

Waren.Das Wichtigste liegt obenauf. Günther Krause sitzt am Tisch eines Warener Ausflugslokals und hat drei Ordner vor sich. Einen ganz dünnen mit den Gedankenstützen für seinen Vortrag, einen gebundenen mit dem veröffentlichten Text des Einigungsvertrages von 1990 und eine schwere Mappe mit dem Original. Die hebt Krause jetzt mit beiden Händen in die Höhe: „Das erste Exemplar des Vertrages, geschrieben in meinem Büro“. 18 Entwürfe habe es zuvor gegeben, die dicke Mappe sei das Ergebnis und entstanden in seinem Haus. Die gesetzliche Grundlage für die deutsch-deutsche Vereinigung. Die schon bald herhalten musste als Ursache für alles, was in den Folgemonaten und -jahren schief lief.
Völlig zu Unrecht, wehrt sich Krause noch fast 23 Jahre später vor einem guten Dutzend Zuhörer in Waren. Eingeladen hatte den Zeitzeugen der Einheit die CDU-Ortsgruppe in Waren. Selbst sei er ja nur noch zahlendes Mitglied in der Partei, sagt der Ex-CDU-Landesvorsitzende Mecklenburg-Vorpommerns. Aber ein gefragtes. „Vier oder fünf Mal im Monat bin ich unterwegs und halte Vorträge“, lässt der promovierte Hochschullehrer wissen. In Ost und West. „Zu Beginn meiner Vorträge verhalten sich die Leute anders als nach der Veranstaltung“, strafft sich der Ex-Politiker. Es gebe dann mehr Verständnis für die andere Seite.
Krause, dessen steilem Karriere-Sprung 1990 ein baldiger ebenso jäher Absturz nur drei Jahre später folgte, denkt noch immer in den Kategorien der Wendezeit: Ost und West. Dem Osten würde es ohnehin besser gehen, zeigt sich der Mann überzeugt, würden sich die Abgeordneten der neuen Länder im Bundestag, nur 20 Prozent aller gewählten Mitglieder, untereinander einig sein. „So eine Art Landsmannschaft.“ Aber nichts da, lieber würden die Ost-Abgeordneten die Politik ihrer Parteifraktionen mitspielen. „So kann das nichts werden.“
Aber der Einigungsvertrag. Der sei beileibe nicht so schlecht, wie ihn die Leute immer gemacht hätten. „Dieser Vertrag“, sagt Günther Krause und streicht über den Aktendeckel, „enthält 5500 Regelungen. Aber nur 3000 davon seien umgesetzt“. Warum? Weil dem Westen vieles missfiel und die Leute aus dem Osten, die nach ihm, Krause, dann die Politik gemacht hätten, auch kein gesteigertes Interesse daran besaßen. „Die Rentendiskussion“, winkt der bald 60-Jährige ab, „wäre heute keine mehr, wenn man sich an die Regeln des Einigungsvertrages gehalten hätte“. Im Artikel 49 stünde, dass bis 1995 in Ost und West das gleiche Rentenrecht herrschen müsse. Jeder ostdeutsche Ministerpräsident könnte dies einfordern. „Und, machen die das?“, fragt der Gast in die Warener Runde und erntet Kopfschütteln.
Was waren das dagegen früher für Zeiten! Günther Krause schwelgt in Erinnerungen, als er, gerade erst mit 37 Jahren zum gesamtdeutschen Verkehrsminister ernannt, dem Westen eine Milliarde D-Mark wegnahm und in den Ausbau der DDR-Infrastruktur steckte. Oder als er dafür sorgte, das Investitionsmaßnahmegesetz durchzudrücken und seinerzeit vom „Spiegel“ dafür vier Wochen lang „verfolgt“ wurde. Mit dem sperrig klingenden Namen wurden in den 1990er-Jahren in Deutschland Gesetze bezeichnet, mit denen mehrere Abschnitte der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit unmittelbar per Gesetz beschlossen werden sollten. Der Gesetzgeber trat dabei an die Stelle der Planfeststellungsbehörde und war verpflichtet, an ihrer Stelle öffentliche und private Belange gegeneinander abzuwägen. Ein Planfeststellungsverfahren mit breiter öffentlicher Beteiligung und zahlreichen Einwendungsmöglichkeiten, wurde damit umgangen. „Hätten wir das nicht durchgesetzt, wäre wohl mit dem Bau der A 20 erst 2005 begonnen worden.“
Damals war Krause noch wer und galt etwas. Auch als Objekt des Hasses. „Ich erinnere mich gut an eine Demonstration von Genossenschaftsbauern 1990 auf dem Alex in Berlin. Bestimmt 65 000 standen da und pfiffen mich aus. Als ich wieder im Büro war, zählte ich zwölf Einschläge von Tomaten und zehn von Eiern auf meinem Anzug.“ Krause war auch derjenige, der den Trabi-Werkern in Zwickau das Aus der Trabant-Produktion verkünden musste. „Die IG Metall hatte dort schon aufgerüstet und die Leute empfingen mich mit Buh-Rufen. Aber als ich sie fragte, wer von ihnen denn noch einen Trabi kaufen wolle, waren sie ruhig.“ Später allerdings flog er, Krause, dann mit einem Hubschrauber nach Wolfsburg, um die Übernahme durch VW in die Wege zu leiten. Zeiten sind das gewesen.
Heute beklagt Krause die Macht der Monopole. Ob die der Pharma-Industrie, die sich damals ungeheure Profite in Osten einstrichen, weil Medikamente hier genau so teuer waren wie im Westen oder die Energiekonzerne. Mit seiner neuen Firma, Sitz in Magdeburg, entwickle er nämlich Methoden, aus kohlenstoffhaltigem Abfall Erdöl zu gewinnen. Katalytische Direktverflüssigung heißt das.
Aber hier wolle niemand davon etwas wissen, also werde er die Angelegenheit in Russland und in der Ukraine realisieren. Und in Spanien, wo sein Unternehmen gerade eine Außenstelle eröffnet hat. Überhaupt Spanien. „Mehr als 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, aber die Spanier sind alle so gelassen und entspannt.“
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