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Die Ruhe in der Sandschale

Die Dorfkirche in Lütgendorf wurde Ende des 13. Jahrhunderts erbaut.  FOTO: S. Musyal
Die Dorfkirche in Lütgendorf wurde Ende des 13. Jahrhunderts erbaut. FOTO: S. Musyal

VonSören Musyal

In Lütgendorf gibt es eine Kirche aus dem Mittelalter und ein Kieswerk. Beide stehen auf ihre Weise für das Leben im Dorf.

Lütgendorf.Es ist ruhig in Lütgendorf an diesem Nachmittag. Sehr ruhig – zumindest bis ein großer Lkw über die Straße donnert, abbremst und an einer kleinen Kreuzung nach links biegt. Ein Schild dort verrät mir sein Ziel: „Kieswerk Klocksin“. Dann herrscht wieder Ruhe.
Mein erstes Ziel im Ort ist die Dorfkirche. Umgeben von einem Friedhof ist es auch hier – wie soll es anders sein – ruhig. Und doch hört man viel Gutes über die Kirche. Ich habe im Internet sogar einen Eintrag gefunden über sie – auf einer Seite, die ich immer für Restaurant-Tipps nutze. „Wie verwunschen“, heißt es dort. Stimmt. „Versteckt und idyllisch“, heißt es dort. Stimmt auch.
Versteckt zwischen Bäumen ist das Gotteshaus von der Hauptstraße kaum zu erkennen. Schade eigentlich, denn das Internet irrt nicht. Der Besuch in der Kirche lohnt sich. In ihrer Einfachheit strahlt sie dank der Umgebung einen gewissen Charme aus. Mich überkommt so ein „Das-muss-das-Paradies-sein“-Gefühl. Dann aber das: Ein Lkw donnert, bremst und biegt ab zum Kieswerk.
Ich würde gerne einen Blick in das alte Gemäuer aus dem späten 13. Jahrhundert werfen, aber die Kirche ist geschlossen. „Wir sind auf dem Kirchentag in Hamburg“, verrät der Anrufbeantworter des Pastors Karsten Schur.
Ob sonst jemand einen Schlüssel für das Kirchlein hat? Wohl eher nicht. Ohnehin ist niemand zu sehen. Seit dem ich hier bin, war niemand zu sehen – nicht einmal Spuren von jemandem. Nur der Harkenstrich zwischen den Gräbern verrät, dass jemand hier war. Oder lange nicht hier war. „Wir kümmern uns“, scheint der Friedhof dennoch sagen zu wollen und das, obwohl kaum ein Grab zu finden ist, dass nicht vor der Jahrtausendwende errichtet wurde. Das wundert mich. In der Stadt heißt es immer, auf dem Land lebten nur noch die Alten. Und Alte sterben. Zwangsläufig. In Lütgendorf muss das anders zu sein.
Ich mache mich auf zum etwa 500 Meter entfernten Ortskern, von dem ein Hämmern in Richtung der Kirche drängt. Das wird ein Mensch sein, denke ich, steige ins Auto und folge dem Lkw, bis dieser nach links zum Kieswerk abbiegt. Ich folge der Straße ein Stück weiter und halte hinter der Bushaltestelle, von der dann und wann ein Bus abfährt. Je nach dem, ob Schulferien sind.
Neben einem Lkw ist es nun auch ein kontinuierliches Hämmern, das die Ruhe stört. Es kommt aus einem Haus an der Sandschale. Zwar liegt fast jedes Haus in Lütgendorf an der Straße mit dem Namen Sandschale, aber in nur einem wohnt Artur Balmer. Wir hatten zuvor telefoniert. Wann er Zeit hätte, hatte ich gefragt. Wann ich könne, hatte er geantwortet. Und nun stehe ich vor ihm, weil ich dem Hämmern gefolgt war, fünf Minuten, nachdem wir telefoniert hatten. Die Welt ist ein Dorf. Zumindest ist dieses hier, also Lütgendorf, eins.
„Die Ruhe“, sagt er, die sei für viele ein Grund hierher zu ziehen. Bei ihm sei das allerdings anders gewesen. „Es gab Probleme mit dem Baugrund in Blücherhof.“ Damals nach der Wende.
Das Wort „Wessis“ fällt und ich kann mir vorstellen, was er meint. „Ob nun in Blücherhof oder unten in Lütgendorf“, habe sich die Jugend da irgendwann gedacht und so kam auch er im Jahr 1996 zu seinem Haus in der Sandschale. Vielen der heutigen Anwohnern sei es nicht anders gegangen. „Wirklich alte Bewohner gibt es kaum noch.“ Aber selbst für die zwei letzten älteren Damen komme zwei Mal wöchentlich ein fahrbares Lebensmittelgeschäft.
Ob ihn die vielen Lkws und das Kieswerk nicht stören würden, möchte ich von ihm wissen. Immerhin liegt sein Haus direkt an der Hauptstraße, auf der die orangenen Transporter auf und ab brummen. „Die hört man irgendwann gar nicht mehr.“ Die Ruhe kommt also mit der Gewohnheit. Wobei – manchmal bereue er es doch, direkt an der Straße gebaut zu haben. Dann, wenn Fahrradtouristen vorbei kämen und den großen Anker in seinem Teich bestaunten. „Die schwärmen dann immer, wie schön es hier sei. Schrecklich!“ Balmer lacht und sieht sich um. Nein, nein, es sei schon schön hier.
Vor allem seit der letzte „Streithahn“ endlich weggezogen sei. Ein Wessi sei das gewesen. „Der baute und baute, als andere dann bauen wollten, stellte er sich quer.“ Aber nach dem letzten ordentlichen Streit sei der dann weggezogen. Seitdem hat Balmer einen ruhigen Job als stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Klocksin. „Wir verstehen uns alle gut hier“, gibt er zu verstehen und zeigt auf die Häuser von Stefan und Thomas, die auch mal am Wochenende Rasen mähen dürfen, ohne dass sich jemand beschwert. Insofern sorgt selbst der Krach für Ruhe. Dann nämlich, wenn an deren Stelle Harmonie tritt, wenn das halbe Dorf gemeinsam am Lagerfeuer Ostern feiert. Ganz ohne Lkw-Lärm vom Kieswerk, denn „die arbeiten meist nur bis neun“.

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