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Die wahren Schätze stammen nicht aus Troja

Unterirdisch, aber keine Grabkammer: Im Museums-Archiv zeigt Reinhard Witte die Kopien der Bücher aus Athen.  FOTO: cs
Unterirdisch, aber keine Grabkammer: Im Museums-Archiv zeigt Reinhard Witte die Kopien der Bücher aus Athen. FOTO: cs

VonCarsten Schönebeck

Heinrich Schliemann war Geschäftsmann, Archäologe und ein eifriger Schreiber. 60 000 Briefe, Tage- und Geschäftsbücher helfen den Forschern, seine Arbeit nachzuvollziehen.

Ankershagen.Auf dem Schreibtisch liegt ein grauer Aktenordner. In dem kleinen Büro im Ankershagener Schliemann-Museum stapeln sich dutzende davon. Dieser ist etwas ganz besonderes. „Unser Schatz“, sagt Reinhard Witte und schlägt den Deckel auf. Handgeschriebene Dokumente, geschützt von Kunststoff-Folie. „Originalbriefe von Heinrich Schliemann“, erklärt der Museumsleiter. Die 109 Dokumente werden normalerweise im Tresor aufbewahrt. Sie haben nicht nur ideellen Wert.
„Was Sammler für solche Briefe zahlen, ist irrwitzig“, sagt Witte. Das Museum könne bei den hohen vierstelligen Summen nicht mithalten. Der Ordner habe sich durch Schenkungen gefüllt.
Schliemann korrespondierte in zwölf Sprachen, pflegte weltweit Kontakte. Und er leistete sich einen damals ungewöhnlichen Luxus: Mit spezieller Tinte und so genannten Kopierbüchern machte er sich Abzüge der verfassten Briefe. Die Bücher liegen heute in der Athener Gennadius-Bibliothek, Kopien im Ankershagener Museums.
Die Schriftstücke rekonstruieren das Leben des Troja-Entdeckers. Gerade dort, wo er in seiner Selbstbiografie zu dichterischer Überhöhung geneigt hatte. Über seine Jugendfreundin Minna Meincke schrieb er: „Es stand inzwischen schon fest, dass wir, so bald wir erwachsen wären, uns heirathen würden, und dass wir dann (...) die Stadt Troja ausgraben wollten.“ Die Angebetete hatte etwas weniger romantische Erinnerungen an die Bekanntschaft, teilte ihm das auch schriftlich mit, nachdem die Biografie erschienen war. Auch dass Schliemann bereits als Kind von der Entdeckung Trojas träumte, gilt heute als Dichtung.
„Weil man Schliemann mehrfach beim Lügen ertappt hat, wird auch seine Forschungsarbeit immer wieder angezweifelt“, erklärt Reinhard Witte. Er erinnert sich an einen besonders spektakulären Fall, der mehr als 20 Jahre zurückliegt. Amerikanische Forscher zweifelten daran, ob der Schatz des Priamos echt sei. Widersprüchliche Aussagen zu den Umständen des spektakulären Fundes schürten die Zweifel. Schliemann habe möglicherweise nur einzelne Fundstücke zusammengetragen und -gekauft, so die Behauptung. Anhand der Briefe ließ sich rekonstruieren, wie und wann die Gegenstände gefunden wurden. Bei den Ergebnissen seiner Grabungen blieb Schliemann offenbar näher an der Wahrheit.

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c.schoenebeck@nordkurier.de

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