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„Dieser Park ist ein einziges Trauerspiel“

Angesichts der bröckelnden Schlossfassade klingt das, was auf den Schildern steht, fast höhnisch.  FOTO: Enders
Angesichts der bröckelnden Schlossfassade klingt das, was auf den Schildern steht, fast höhnisch. FOTO: Enders

Von unserem Redaktionsmitglied
Elke Enders

Es ist nicht das erste Mal, dass das Schloss
Varchentin für Schlagzeilen sorgt. Aber der Ärger über den Zustand des Gemäuers und die Fläche ringsum reißt nicht ab.

Varchentin.Irmhild Finck hat lange mit sich gerungen, ob sie ihre Zeilen an die Zeitung schickt. Doch ihre Erschütterung saß so tief, dass sie sich dazu entschloss – wenn auch mit einiger Verzögerung, wie sie schilderte.
Zum Jahreswechsel war es, als Irmhild Finck wieder einmal bei ihrer Mutter in Varchentin weilte. Dabei wollte sie auch einen Spaziergang durch den Park unternehmen, mit dem die gebürtige Warenerin, die heute in Laage bei Rostock wohnt, viele schöne Kindheitserinnerungen verbindet. „Das frühlingshaft anmutende Wetter und die Hoffnung, vielleicht wieder, wie bereits vor ein paar Jahren, Austernseitlinge an einem bestimmten Baum zu finden, waren verlockend“, schreibt sie.
Der berühmte Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné hatte 1838 die Pläne für das Ensemble entworfen, „mit dem auf einer Anhöhe gelegenen Schloss, dem zum See abfallenden Park, den breiten Wegen, den einzeln stehenden Bäumen, Baumgruppen und anderen Gehölzen...“, wie Irmhild Finck zu schwärmen beginnt. Sie hat in Varchentin, „am Park“, wie sie ergänzt, die Grundschule besucht und später ein Studium der Pflanzenproduktion in Rostock absolviert. Ihre Ausführungen an die Zeitung schreibt sie mit „viel Wut im Bauch“, die auch über Wochen nicht verflogen sei. Denn: „...der Anblick, der sich mir auf diesem Rundgang bot, war erschreckend. Ich bin in diesem Dorf aufgewachsen, als Kind habe ich weiße und blaue Veilchen vom Moosberg geholt, dicke Sträuße Wiesenschaumkraut gepflückt, habe den Park durchquert, um zur Badestelle am Kleinen See zu gelangen oder zum Bienenhaus meines Großvaters, habe mit meiner Familie sonntägliche Spaziergänge auf den verschlungenen Wegen unternommen, jagte mit meinem Cousin auf dem Schlitten den Rodelberg noch vor Schulbeginn hinunter...“
„Aber jetzt“, schreibt Irmhild Finck weiter: „Das Areal ist weiträumig eingezäunt und umfasst nicht nur die Wiesen, auf denen die Rinder extensiv gehalten werden. Es kann nicht sein, dass dieser Frevel nicht gesehen wird von den Verantwortlichen, die sich um das Wohl der Gemeinde sorgen, von Umweltämtern und sonstigen Behörden…“ Eine der beiden „großen wunderschönen Blutbuchen“ liege nun als Gefallene da. Rinder würden sich das Fell daran schubbern.
Irmhild Finck fragt deshalb: „Warum werden Einzelbäume nicht gezäunt und dadurch geschützt? Wie kann es sein, dass gesunde Kastanienbäume abgeholzt werden dürfen, Äste und Zweige kreuz und quer am See und an den Wegen liegen? Wurde hier wahl- und planlos Brennholz geschlagen?“ Dabei geht Irmhild Finck auch auf die heutige Nutzung des Areals ein. „Wie schön für den Besitzer dieser Anlage, dass er das dort artgerecht gewachsene Fleisch, die Eier von glücklichen Hühnern, Kräuter und Gemüse mit dem Öko-Siegel in seinem Hotel oder dem Restaurants auf Usedom gewinnbringend an den zahlungskräftigen Urlauber bringen kann“. Was aber hätten die Einwohner des Dorfes davon, vermisst sie das Einschreiten der Behörden. Sie habe den Anfang vom Ende geahnt, als die ersten herabfallenden Steine von den Zinnen des Turmes mit der Uhr das Dach vor einigen Jahren durchschlugen...
Dass die besitzende Aurelia-Gruppe zunächst gehegte Sanierungspläne für das Schloss längst aufgegeben hat, daraus hat die Marketingabteilung schon lange kein Geheimnis mehr gemacht. Aktiv nach einem Käufer würde aber auch nicht gesucht, hieß es immer wieder auf Nordkurier-Nachfrage. Gestern war bei den Verantwortlichen bis Redaktionsschluss allerdings niemand für eine Aussage zu erreichen.
Bürgermeisterin Jana Düring (parteilos) dagegen bekundete einmal mehr, dass sie kaum noch Hoffnung habe, dass sich an dem Zustand des Geländes etwas ändert.
Indes bestätigte die Pressestelle des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, dass der Park unter Denkmalschutz stehe und auch ein gültiges Parkkonzept vorliege. Aber auch von „Unstimmigkeiten“ wusste die Sprecherin zu berichten: Das Umweltamt sei an der Sache schon dran, hieß es.

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e.enders@nordkurier.de

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